Überfällige Debatte. Arbeitszeitverkürzung - war da was? Reges Interesse ruft das Thema zumindest hervor. Prall gefüllt war der kleine Konferenzraum, als ver.di, IG Metall, die Gewerkschaft Nahrung - Genuß - Gaststätten (NGG) und Arbeitnehmerkammer am Donnerstag in Bremen ihr »ABC der Arbeitszeitverkürzung« vorstellten. Mit der handlichen Broschüre wollen sie der arbeitenden Bevölkerung Argumente liefern, um Kollegen, Freunde, Nachbarn und Familie zu agitieren. Jeder Buchstabe des Alphabets steht für ein Stichwort: von A wie »Arbeitsproduktivität« über M wie »Muße« und P wie »politisches Engagement« bis hin zu Z wie »Zahl der Arbeitsstunden«. Das Thema soll wieder in aller Munde sein, so die Absicht die Bremer Arbeitszeitinitiative. Im Bündnis sind neben den Gewerkschaften auch konfessionelle Arbeiterorganisationen und die Globalisierungskritiker von ATTAC aktiv.
Rund sechs Millionen Arbeitslose zählt die Initiative in der Bundesrepublik. Dazu gehören auch diejenigen Beschäftigten in Teilzeitarbeit und in Minijobs, die in Wirklichkeit eine Vollzeitstelle benötigen. Nachdem die Weltwirtschaftskrise branchenübergreifende Kurzarbeit erzeugt habe und Arbeitszeitkonten abgebaut worden seien, schöben die Arbeiter und Angestellten heute wieder Überstunden, berichtete Margareta Steinrücke von der Bremer Arbeitnehmerkammer. Sehe man von der Krise ab, habe sich die Arbeitszeit in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich erhöht. Dahinter stehe das »Unternehmerinteresse, die Arbeitskraft länger auszubeuten«.
Die Folgen seien fatal. Weil gleichzeitig mit der Länge des Arbeitstages die Arbeitsintensität gestiegen sei, seien psychische Erkrankungen mittlerweile die zweithöchste Ursache für Krankschreibungen, so Steinrücke. Eine öffentliche Debatte über eine Umkehr in der Arbeitszeitfrage sei längst überfällig. Deshalb vertreibt die Bremer Arbeitszeitinitiative nicht nur Broschüren und bedruckte Postkarten, sondern hat auch eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben.
Zwei Betriebsräte nannten am Donnerstag konkrete Beispiele für verkürzte Arbeitszeiten. Der Betriebsratsvorsitzende der Beck’s-Brauerei, Jens Bujok, stellte einen eigens erarbeiteten Sozialtarifvertrag vor. Der Biermarkt stagniere, weil sich der Pro-Kopf-Verbrauch nicht erhöhe. Um Entlassungen zu vermeiden, einigte sich die NGG nach sechsmonatigen Verhandlungen mit der Geschäftsführung auf eine verbindliche Teilzeitregelung. Nach der hat jeder Arbeiter einen Anspruch darauf, seine individuelle Wochenarbeitszeit zu verkürzen. Für Angestellte gilt die Vereinbarung ebenfalls, beinhaltet aber keinen Rechtsanspruch. Keiner der Beschäftigten kann jedoch gezwungen werden, seine Vollzeitstelle zu reduzieren. Das ist lediglich im Rahmen der gesetzlichen Kurzarbeit erlaubt.
Es gibt bei Beck’s drei Modelle, die Arbeitszeit zu verkürzen. Bei der ersten Variante können die Beschäftigten nach einem Jahr in den Vollzeitjob zurückkehren. Im zweiten Fall verzichten sie dauerhaft auf Arbeitsstunden, erhalten aber eine Teilabfindung. Außerdem ist es drittens möglich, auf die Jahressonderzahlung zu verzichten und im Gegenzug 200 Stunden weniger arbeiten zu müssen. Von diesen Optionen machten mehrere hundert Brauereimitarbeiter Gebrauch.
Im Fall des Stahlwerks ArcelorMittal Bremen war es eine Betriebsvereinbarung, mit der die Arbeiter den Abbau von 1000 Stellen verhindern konnten. Das berichtete der dortige Betriebsrat Ralf Niemann. Abteilungsweise legte die Firmenleitung Rationalisierungsquoten fest, die jeweiligen Arbeitsgruppen verringerten dann kollektiv ihre Arbeitszeiten um die vorgegebene Prozentzahl. Nach fünf bis sechs Jahren war der Personalbestand durch Fluktuation so weit gesunken, daß die Rückkehr zur Normalarbeit im gesamten Betrieb wieder möglich war.
Nach den Erläuterungen der Referenten machte sich bei einigen Besuchern Enttäuschung breit. Teilzeitvereinbarungen abzuschließen, um betriebsbedingte Kündigungen abzuwenden, entspricht nicht dem geläufigen Bild von Kampagnen aus der Vergangenheit. Damals hatten die Gewerkschaften sich selbst die Aufgabe gestellt, Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich durchzusetzen. Die Bremer Initiative hatte das Thema erst gar nicht auf die Tagesordnung gesetzt. In der anschließenden Diskussion tauchte am Donnerstag die Frage auf, ob das »beschissene Kräfteverhältnis« verantwortlich dafür sei, daß die Forderung nach Lohn- und Personalausgleich ein Nischendasein friste. Einen Ausweg aus der Schmuddelecke konnte das Bremer Bündnis jedenfalls nicht weisen.
Mirko Knoche
Quelle (mit freundlicher Genehmigung): Junge Welt v. 16./17.07.11