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15. Mai 2011

»Der Rauswurf tat dem Protest keinen Abbruch« Streik und Aussperrung bei Bremer Tageszeitungen.

Starke Beteiligung der Redakteure. Ein Gespräch mit Carsten Spöring (Sport­redakteur beim Weser-Kurier in Bremen und Landesvorstandsmitglied des Deutschen Journalisten-Verbands [DJV] in der Hansestadt).

Rund 150 Redakteure, Drucker und Verlags­angestellte der beiden Tageszeitungen Weser-Kurier und Bremer Nachrichten sind am Donnerstag in einen Warnstreik zur Durchsetzung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen getreten. Hat die Aktion Wirkung gezeigt?
Auf alle Fälle, gerade auch weil sich so viele Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion daran beteiligt haben. Bis auf ein paar wenige Abteilungsleiter waren alle Redakteure im Ausstand. Die Zeitung vom Freitag mußte deshalb in deutlich abgespecktem Umfang erscheinen. In den Regionalausgaben fehlte der komplette Sportteil, und auch die Hauptausgabe war merklich ausgedünnt.

Aber heißt das nicht auch, daß sich eine Zeitung heute ganz ohne Redakteure produzieren läßt?
Das stimmt, früher wäre unter der Bedingung, daß Drucker und Redakteure gemeinsam die Arbeit niederlegen, keine Ausgabe erschienen. Mit den neuen Medien sieht das anders aus: Auf elektronische Wege wird alles mögliche von außen angeliefert und ins Blatt gehoben. Das erschwert natürlich Arbeitskampfmaßnahmen.

Der Chef der Bremer Tageszeitungen AG (BTAG), Ulrich Hackmack, der beide Blätter herausgibt, hat die Streikenden am Donnerstag vormittag des Betriebsgeländes verwiesen. Wie kam das bei Ihnen an?
Das war eine ziemlich überzogene Maßnahme. Wir hatten bis dahin eine friedliche Streikversammlung auf dem Hof durchgeführt. Der Rauswurf tat unserem Protest aber keinen Abbruch. Wir haben kurzerhand einen Spaziergang zum Marktplatz unternommen und unsere Forderungen noch einmal in die Öffentlichkeit getragen.

Hintergrund sind die laufenden Tarifverhandlungen, bei denen der Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV) massive Lohnkürzungen für die bundesweit 14000 Redakteure durchdrücken will. Was konkret fordern die Unternehmer?
Für die derzeit Beschäftigten verlangen sie eine Senkung der Jahresgehaltssumme um insgesamt fünf Prozent, unter anderem durch Kürzungen bei Urlaubsgeld und Jahresleistung. Zugleich wollen sie den Gehaltsforderungen der Gewerkschaften nur in minimaler Weise entsprechen. Der DJV und ver.di fordern vier Prozent mehr. Die Arbeitgeber bieten bisher nur eine Einmalzahlung für zwei Jahre und eine listenwirksame Kleckererhöhung für das dritte Jahr an.

Noch einmal zum Mitschreiben: Zunächst soll kräftig gekürzt werden, und erst auf dieser Basis könnte es dann eine Minierhöhung geben?
Richtig. Viel schlimmer noch ist aber der geplante Dumpingtarifvertrag für Nachwuchsleute. Der sieht Absenkungen von über 30 Prozent für Neueingestellte gegenüber dem Status quo vor. Das ist eine bodenlose Frechheit, bei der wir nicht mitmachen. Wir haben in den letzten Jahren schon so viel abgegeben, zum Beispiel Urlaubstage und Teile des Urlaubs- und des Weihnachtsgeldes. Das muß ein Ende haben.

Wie festgefahren ist die Situation?
Im Moment bewegt sich nichts. Die Verhandlungen sind am 4. Mai ohne Ergebnis und ohne Vereinbarung eines neuen Gesprächstermins abgebrochen worden. Die Verleger wollten fürs erste nicht mehr mit der Gegenseite sprechen, hieß es. Es ist also auch an uns, mit Aktionen wie am Donnerstag dafür zu sorgen, daß sie sich wieder an den Tisch setzen.

In dieser und den zurückliegenden Wochen ist es bereits vielerorts in Deutschland zu Warnstreiks gekommen, auch von Druckern, für die zur Zeit ebenfalls verhandelt wird. Wie schätzen Sie die Kampfbereitschaft der Leute ein?
Bei uns hier im Norden stehen die Zeichen auf Sturm, sowohl in Hamburg als auch in Bremen waren schon in der Vorwoche Hunderte Beschäftigte auf der Straße. Mit Blick auf die zahlreichen Aktionen auch in anderen deutschen Städten denke ich schon, daß wir hier eine starke und kampfeslustige Bewegung erleben.

Am 22. Mai wird in Bremen eine neue Bürgerschaft gewählt. Spielt Ihnen das nicht in die Karten?
Die Politiker werden bestimmt sehr aufmerksam verfolgen, wenn die Zeitung nicht oder nur sehr lückenhaft erscheint. Sicherlich wird dann auch beim Verleger mal nachgefragt, was da eigentlich los ist.

Interview: Ralf Wurzbacher

Quelle (mit freundlicher Genehmigung): Junge Welt v. 14.05.11