DIE LINKE.  Bremen 


31. Januar 2009

Rege Debatte um Räterepublik

Denkmal für die bei der Verteidigung der Räterepublik Gefallenen auf dem Waller Friedhof von Georg Arfmann (1972)

Bremen: Zahlreiche Veranstaltungen erinnern an Machtübernahme der Arbeiter- und Soldatenräte Anfang 1919

In Bremen wird seit vielen Jahren auf dem Waller Friedhof mit einer Gedenkveranstaltung an die am 4. Februar 1919 gefallenen Verteidiger der Räterepublik erinnert. Dieses Jahr ist es anders. Es wird doppelt erinnert: Einmal am 1. und einmal am 8. Februar. Neben dem traditionellen Vorbereitungskreis, einem Bündnis aus vielen Organisationen und einzelnen Personen, hat sich um die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete und DGB-Vorsitzende Helga Ziegert in diesem Jahr eine zweite Gruppe der Vorbereitung gewidmet. Trotz langer Verhandlungen und ungezählter Vermittlungsversuche ist es nicht gelungen, eine gemeinsame Ehrung zu organisieren.

Entzündet hat sich der Streit an Hans Koschnick (SPD), den der Kreis um Ziegert ohne Kompromißbereitschaft als Redner vorschlug. Koschnick war 18 Jahre Bürgermeister von Bremen, Bundestagsabgeordneter, Mitglied im Bundesvorstand der SPD und zuletzt, 1994 bis 1996, Administrator der EU für Mostar in Bosnien-Herzegowina. Er stammt aus dem Nordbremer Arbeiterbezirk Gröpelingen und kennt sich in der Geschichte der Arbeiterbewegung Bremens bestens aus.

Der Vorbereitungskreis des linken Bündnisses sprach sich mit Mehrheit gegen Koschnick als Redner auf dem Waller Friedhof aus. Er gehöre zum Establishment der SPD und habe den Radikalenerlaß sowie die Berufsverbote in den 70er Jahren mitgetragen und durchgesetzt. 1980 habe er die Vereidigung der Bundeswehrrekruten im Bremer Weserstadion, begleitet von heftigen Protesten, durchgesetzt und schließlich das Eingreifen der NATO im Krieg gegen Jugoslawien unterstützt.

Der »Streit über den Gräbern« hat in Bremen und Bremerhaven aber auch positive Effekte: Das Interesse für die Zeit der Novemberrevolution ist spürbar gestiegen. Zwölf Abendveranstaltungen, organisiert von verschiedenen Gruppen, widmen sich dem Thema. Es referieren und diskutieren zahlreiche Historiker und Sozialwissenschaftler, darunter Peter Brandt, Heinz Niemann, Karl Heinz Roth, Peter Kuckuk, Jörg Wollenberg  und der Schauspieler Rolf Becker. Der DGB veranstaltet ein Tagesseminar unter dem Titel »What’s Left?«. Auf der Homepage der Partei Die Linke (www.dielinke-bremen.de) kamen Hans Koschnick, Raimund Gaebelein (VVN) und Margot Konetzka (DKP) in ausführlichen Interviews zu Wort.

Der Publizist Klaus Gietinger las bereits am 14. Januar aus seinem neuen Buch über Waldemar Pabst, dem Hauptverantwortlichen für die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Der Historiker Karl Heinz Roth verwies in seiner Einführung auf »die dunkle Seite der Konterrevolution«, auf das enge und geheimgehaltene Bündnis der Mehrheitssozialdemokratie mit den reaktionärsten Kräften des deutschen Militarismus und der Industrie, das längst nicht aufgearbeitet sei.

Diese »dunkle Seite« gab es auch in Bremen. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) war es, der dort in enger Abstimmung mit Reichskanzler Friedrich Ebert der Division Gerstenberg und dem Freikorps Caspari, gegründet vom Militär- und Polizeioffizier Walter Caspari, den Angriffsbefehl gab, obwohl die Räteregierung längst ihre Zustimmung zur Bildung einer Konstituante und zur Entwaffnung der Arbeiter gegeben hatte. Der Kampf begann am Morgen des 4. Februar 1919 und dauerte den ganzen Tag über an. Bereits am Abend mußten die Verteidiger der Räterepublik die roten Fahnen einholen und sich vor den anrückenden Militärs und Freikorps in Sicherheit bringen. In den Kämpfen waren viele Tote zu beklagen: 28 auf Seiten der Arbeiter, 24 Soldaten und viele Unbeteiligte, nämlich 18 Männer, fünf Frauen und sechs Kinder.

Veranstaltungen in Bremen:

Sönke Hundt
aus: junge Welt v. 31.01.09


Quelle: http://www.dielinke-bremen.de/nc/politik/aktuell/detail/artikel/rege-debatte-um-raeterepublik/