In Bremen fordern 35 protestantische Pastoren und Pastorinnen den sofortigen Rückzug der Bundeswehr. Ein Gespräch mit Friedrich Scherrer. Scherrer ist Pastor der Bremer St.-Michaelis-St.-Stephani-Gemeinde und unterstützt die Arbeit des Bremer Friedensforums
Die Forderung des Bremer Friedensforum nach Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan wird von 35 protestantischen Pastorinnen und Pastoren unterstützt. Das ist ja ein guter Anfang – aber muß die Kirche ihren Einfluß nicht massiver geltend machen?
Es ist gut, daß die Kolleginnen und Kollegen sich äußern, aber Sie haben recht: Die Kirche sollte viel mehr tun. Diskussionen zum Afghanistan-Krieg muß in den Gemeinden mehr Raum gegeben werden. Zumal die Vorraussetzungen dafür gut sind: Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist gegen den Kriegseinsatz. Wir müssen in Erinnerung bringen, daß niemand von der afghanischen Bevölkerung die USA zu Hilfe gerufen hat. Meiner Ansicht nach ist das Argument nur vorgeschoben, der Krieg werde gegen den Terror geführt. Vielmehr geht es darum, daß die westliche Welt einen Fuß in dieses Land setzen will, weil Afghanistan für die Beschaffung von Erdgas- und Erdölreserven von entscheidender Bedeutung ist.
Der Krieg hat geostrategische Gründe, deshalb muß er schnellstens beendet werden. Je länger er dauert, desto schwieriger wird das. Bereits vor Jahren haben kirchliche Hilfsorganisationen dargestellt, daß der soziale Aufbau des Landes nicht funktionieren kann, wenn zugleich militärische Einsätze laufen – das werde nur zur weiteren Eskalation führen. Dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen. Ich bedauere sehr, daß man das Thema beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen im Mai, bei dem 100000 Leute waren, kleingekocht hat – das wurde dort auch kritisiert. Selbst aus Militärkreisen ist zu vernehmen, daß dieser Krieg nicht gewonnen werden kann.
Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Bischöfin Margot Käßmann, hat den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr kritisiert. Aber sollte die Kirche nicht erst einmal ihre Feldgeistlichen aus dem Kriegseinsatz zurückziehen?
Das ist ein heikler Punkt. Militärseelsorge schafft eine enge Verzahnung zwischen Staat und Kirche. Die sogenannte Seelsorge wird vom Staat finanziert und ist demzufolge in die Militärlogistik eingebettet. Das halte ich für einen fatalen Fehler. Uralte Traditionen schlagen sich da nieder, die es zu überwinden gilt. Es wäre ein Zeichen, wenn die Kirche ihre Seelsorger im Auslandseinsatz zurückziehen würde. Das wird vermutlich aber erst beim Kirchentag in Dresden 2011 Thema sein.
Gibt es unter der kürzlich gewählten Käßmann mehr Friedensengagement, oder geht alles im alten Stil weiter?
Kirchengemeinden befinden sich nicht auf einem anderen Stern, sondern sind Teil der Gesellschaft: Häufig stehen erst einmal andere Themen auf der Tagesordnung. Wie behalte ich meinen Arbeitsplatz, wie geht es wirtschaftlich weiter, wie klappt es mit meiner Beziehung? Die Zeiten der großen Friedensbewegung 1983 sind vorbei – aber gerade als Christen müssen wir dafür sorgen, daß die Losung »Frieden schaffen ohne Waffen« aktuell bleibt. Das entspricht unserem Auftrag, uns im Rahmen der Nächstenliebe einzumischen und für andere einzusetzen.
Außenminister Guido Westerwelle (FDP) droht, die am 28. Januar in London stattfindende Afghanistan-Konferenz zu boykottieren, falls dort nur über Truppenstärken gesprochen wird. Was erwarten Sie denn von der Tagung?
Eine Ausstiegsstrategie muß entwickelt werden, um dem Sterben und der Ausweglosigkeit dieses Krieges Einhalt zu gebieten. Das enttäuschende und widersprüchliche Signal des US-Präsidenten Barack Obama, einerseits mehr Soldaten zu schicken, diese aber 2011 wieder abziehen zu wollen, macht das allerdings nicht leicht. Ich möchte betonen, daß es zuallererst um die Lebenschancen der Bevölkerung gehen muß.
Aber wie viele Millionen Euro fließen in Militärausgaben und wie wenig Geld in ziviles Engagement! Mutig finde ich in diesem Zusammenhang das Vorgehen des Bremer Anwalts Karim Popal, der unter Lebensgefahr nach Afghanistan gefahren ist und sich für die Opfer des Bombenangriffs der Bundeswehr und ihre Angehörigen einsetzt. Wir hatten ihn ins Gemeindehaus zur Diskussion eingeladen. Durch seine Schilderung der katastrophalen Zustände vor Ort hat er der Verharmlosung dieses Einsatzes nach der Devise »Unsere Demokratie am Kundus verteidigen« entgegengewirkt.
Interview: Gitta Düperthal
Quelle (mit freundlicher Genehmigung): Junge Welt v. 29.12.09