DIE LINKE. Bremen
Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Felicia Langer hat auch in Bremen für Auseinandersetzungen gesorgt. Frau Langer war am 22. April vom neu gegründeten "Netzwerk für einen gerechten Frieden in Nahost" zu einem Vortrag ins Bremer Überseemuseum eingeladen. Wir berichteten. Das Präsidium der Jüdischen Gemeinde Bremen hat in einer Stellungnahme die Vergabe des Bundesverdienstkreuzes an Frau Langer scharf kritisiert und dabei u.a. auch gegen das "Bremer Netzwerk" ziemlich schwere Vorwürfe (u.a. Antisemitismus) erhoben. In einem offenen Brief, den wir hier dokumentieren, meldet sich nun auch das Bremer Friedensforum zu Wort und bietet dem Präsidium der Jüdischen Gemeinde in dieser Frage an, über die Probleme - intern oder öffentlich - zu diskutieren.
Bremen, den 2. Oktober 2009
Offener Brief des Bremer Friedensforums
an das Präsidium der Jüdischen Kultusgemeinde
Schwachhauser Heerstraße 117
28211 Bremen
Sehr geehrte Frau Noa, sehr geehrte Frau Bas, sehr geehrter Herr Pantelejew,
in einem offenen Brief an die Jüdische Gemeinde in Nürnberg begrüßen Sie die Rückgabe des Bundesverdienstkreuzes durch deren Vorsitzenden, Herrn Arno Hamburger. Er tat dies aus Protest gegen die Verleihung dieses Ordens an Felicia Langer. Das mögen Sie so sehen, das ist Ihr gutes demokratisches Recht. Es ist aber auch unser gutes Recht, diese Angelegenheit anders zu beurteilen.
Sie bezeichnen dabei Frau Langer, die beim „Bremer Netzwerk für gerechten Frieden im Nahen Osten“ als Referentin zu Gast war, als „Israel-Hasserin“ und bezichtigen das Netzwerk, mit dem wir eng zusammenarbeiten, des Antisemitismus. Beide Vorwürfe weisen wir zurück.
Felicia Langer hat in vielen Büchern und Vorträgen Israels Politik kritisiert, die sie als zutiefst unmoralisch und im völligen Widerspruch zum Völkerrecht sieht. Sie hat aber grundsätzlich Israels Existenz nicht in Frage gestellt, sondern sich für eine andere Politik Israels, vor allem den Palästinensern gegenüber eingesetzt. Damit steht sie nicht allein, sondern befindet sich in der Gesellschaft von sehr vielen Israelis und jüdischen Bürgern auf der ganzen Welt (besonders in den westlichen Staaten). Ja, man kann sagen: das Judentum ist zunehmend in dieser Angelegenheit gespalten - übrigens auch in Deutschland. Die jüdischen Gegner der israelischen Politik sind mit vielen Artikeln und Aufrufen an die Öffentlichkeit getreten und haben sich jetzt in dem Kreis um die neue Zeitschrift „Semit“ gesammelt. Wir weisen Sie z.B. auch auf das gerade im Rowohlt-Verlag erschienene Buch des deutsch-jüdischen Publizisten Alfred Grosser: „Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel“ hin, in dem er eine Position vertritt, die der unseren sehr nahe kommt. Felicia Langer steht damit also keineswegs isoliert da.
Im übrigen wurde Frau Langer bei ihrem Vortrag in Bremen nicht "gefeiert“, wie Sie schreiben. Der Vortrag wurde angehört und anschließend mit der Referentin diskutiert, wie das bei unseren Veranstaltungen und denen des Netzwerkes üblich ist. Das „Bremer Netzwerk für einen gerechten Frieden im Nahen Osten“ gibt es erst seit einem dreiviertel Jahr. In dieser Zeit hatte es vier israelische und einen deutschen Referenten zu Gast und bisher keinen arabischen. Von einer einseitigen Ausrichtung kann man da nicht sprechen.
Genau wie Felicia Langer bejahen wir die Existenz Israels und setzen uns für einen gerechten Frieden im Nahen Osten ein, d.h. einen Frieden, der auch der sehr viel schwächeren Seite (eben den Palästinensern) ihr staatliches Existenzrecht, Unabhängigkeit und Souveränität zusichert, was den Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten voraussetzt. Wir sind der festen Überzeugung, dass diese so leidgeprüfte Region nur auf diesem Wege zur Ruhe kommen kann. Wir denken aber auch, dass der Einsatz für eine solche Friedenslösung nicht das Geringste mit Antisemitismus zu tun hat. Zur Information fügen wir unserem Brief die Grundsätze des „Bremer Netzwerk für gerechten Frieden im Nahen Osten“ bei.
Wir sind gern bereit, mit Ihnen über diese strittigen Fragen intern oder öffentlich zu diskutieren.
Mit freundlichen Grüßen
i.A. Hartmut Drewes