DIE LINKE. Bremen
Die Betriebsversammlung war extra auf Bitten der Geschäftsführung auf 9 Uhr vorverlegt worden. Wer nicht kam, war der eingeladene Herr Tienken. Wahrscheinlich hatte er wieder mit den Heuschrecken-Eigentümern in der Schweiz telefonieren müssen, kurz vor Beginn den Betriebsrat angerufen und sein Erscheinen abgesagt. Er fühle sich durch die Äußerungen von Betriebsrat und IG Metall, dass er sich für die nächtliche Kündigungsverteilaktion vom 25. auf den 26. November entschuldigen und die Kündigungen zurücknehmen müsse, unter Druck gesetzt.
Es war eine Sensation, dass das gesamte mittlere Management, also Meister, Gruppen- und Abteilungsleiter aus Produktion und Verwaltung sich auf der Versammlung persönlich bei der Belegschaft für ihre Beteiligung an der nächtlichen Verteilaktion entschuldigten. Sie kritisierten die Geschäftsleitung und die Rechtsanwälte heftig wegen dieser offensichtlich rechtwidrigen Aktion. Sie wären über die getroffene Vereinbarung vor dem Arbeitsgericht falsch informiert worden.
Wie erzählt wurde, kennen sich in dem ehemaligen Siemens-Betrieb Vorgesetzte und MitarbeiterInnen z.T seit Jahren und Jahrzehnten, was zu einer vertrauensvollen und produktiven Zusammenarbeit geführt hätte. Einen schlimmeren Vertrauensbruch, als auf Anweisung der Geschäftsleitung den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aus der eigenen Abteilung den Kündigungsbrief nachts in den Briefkasten stecken zu müssen, hätte man sich nicht vorstellen können. Es gehört Mut dazu, sich in dieser Weise gegen die eigene Geschäftsleitung zu stellen und auf der Versammlung - wie heute geschehen - eine Entschuldigung auszusprechen.
Wieder waren Betriebsräte etlicher Bremer Betriebe, darunter auch von Siemens Wind Power und der Siemens AG, Niederlassung, gekommen, um sich mit der Belegschaft und ihrem Kampf gegen die Kündigungen um ihre Arbeitsplätze solidarisch zu erklären. Auch die ehemalige DGB-Regionalvorsitzende Helga Ziegert und der 1. Bevollmächtigte der IG Metall unterstützen die Aktionen. Peter Stutz, IG-Metall-Sekretär: "Die Reaktionen in der Öffentlichkeit sind überwältigend, die Bevölkerung unterstützt die Arbeitnehmerseite und hat kein Verständnis für das skandalöse Vorgehen der Gesellschafter. Von Siemens werden endlich Taten erwartet; die Arbeitgeberseite muss zur Vernunft kommen."
Seit heute mittag befindet sich die Belegschaft wieder im Warnstreik, der bis Dienstag, den 1.12.2009 10:00 Uhr befristet ist. Die Mahnwache am Werkstor wird rund um die Uhr fortgesetzt. Am Dienstagmorgen, 9:00 bis 10:00 Uhr findet vor dem Werkstor eine Kundgebung zur Begrüßung der Einigungsstellenmitglieder statt. Jutta Blankau, die Bezirksleiterin der IG Metall Küste, hat ihre Teilnahme zugesagt. Erwartet werden auch wieder Betriebsräte aus Bremer Betrieben und Vertreter weiterer Organisationen.
Die Betriebsversammlung wurde - wie schon an den Vortagen - heute mittag vom Betriebsratsvorsitzenden für unterbrochen erklärt. Sie wird am Dienstag - parallel zur gleichzeitig tagenden Einigungsstelle - mit der Ansage "open end" fortgesetzt. Die Beschäftigten wollen mit Schlafsacken, Campingausrüstung und mit Verpflegung anrücken und sich auf eine lange Nacht einstellen. Eine Betriebsbesetzung ist das nicht, diese Aktion wird "Industriecamping" genannt.
Hinter den Kulissen finden offensichtlich, so Peter Stutz in einer Medieninformation von heute, hektische Kontakte zwischen dem angeblich übers Wochenende eingeflogenen Schweizer Investor, den Geschäftsführern, den Arbeitgeberanwälten und Siemens sowie auch mit dem Einigungsstellenvorsitzenden, dem Landesarbeitsrichter Michael Grauvogel, statt. Die Belegschaft erwarte von der Einigungsstelle am Dienstag die überfälligen Entscheidungen, die für alle Arbeitnehmer eine tragfähige Perspektive sicherstellen. Entsprechende Signale gäbe es aus dem Arbeitgeberlager und von Siemens. Aber konkrete Verhandlungsangebote lägen bislang nicht vor.
Betriebsrat und IG Metall hätten ihre Verhandlungsbereitschaft für jeden Zeitpunkt angeboten, Voraussetzung seien entsprechende Lösungsangebote. "Wir wollen endlich eine tragfähige und befriedigende Lösung, dafür stehen wir jederzeit für Verhandlungen bereit", erklärten Herbert Strosetzky für den Betriebsrat und Peter Stutz von der Bremer IG Metall, "Die Arbeitgeber müssen endlich die Voraussetzungen dafür schaffen, daß wieder gearbeitet werden kann und die Kunden beliefert werden können. Die Belegschaft wartet ungeduldig und für die wirtschaftliche Zukunft von Mdexx ist die Verlängerung des Konfliktes durch die Arbeitgeber nicht zu verantworten!"
Übrigens: über 80 neue Eintritte in die Gewerkschaft in nur drei Tagen zeigen, dass die Beschäftigten den Einsatz der IG Metall schätzen und wissen, wer ihre Interessen in dieser kritischen Lage am besten vertritt. Das berichtete inzwischen der Siemens-Dialog der IG Metall.
Ebenfalls heute verließen während des Streiks ca. 200 mdexx-Streikende das Betriebsgelände durch den Hintereingang und stellten sich - mit ihren schwarz-gelben T-Shirts einheitlich gekleidet - unübersehbar von den Eingang von Real-Kauf auf. Die Diskussion mit den Kunden und Kundinnen und den Angestellten begannen sofort.
Sönke Hundt
Eine eigene Website der mdexx-ArbeitnehmerInnen informiert seit einigen Tagen ständig über die bisherige Entwicklung und aktuelle Situation vor Ort: www.mdexx.info