DIE LINKE.  Bremen 


10. Juni 2008

Holding-Chef Diethelm Hansen als Sanierer. Für das LdW weiterhin kein Konzept

Pressekonferenz im Klinikum Links-der-Weser

Am Klinikum LdW ist die Empörung weiterhin groß. Für den Rausschmiss des LdW-Geschäftsführers Peter Stremmel gibt es weiterhin keine Erklärung oder Begründung. Aber sie ist wohl endgültig. Stremmel muss schon am 15.06.08 sein Büro räumen, weil schon dann "freigestellt" - bei vollen Bezügen. Auf der gut besuchten Betriebsversammlung (über 300 Teilnehmer) gestern, die der Betriebsrat einberufen hatte, hielt er seine Abschiedsrede und wurde auch vom Betriebsrat mit herzlichen Worten verabschiedet. Die Zusammenarbeit zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung sei zwar häufig konfliktreich gewesen und hätte auch zu vielen Arbeitsgerichtsprozessen und Einigungsstellenverfahren geführt. Aber jetzt, so der Betriebsrat und LINKE-Abgeordnete Peter Erlanson, zeige sich, dass viele der Beschäftigten Stremmels Strategie für das Klinikum mitgetragen hätten. Vor allem habe Stremmel erklärt, dass ein weiterer Stellenabbau nicht mehr zu machen sei! Was natürlich eine klare Stellungnahme gegen die Pläne des neuen Holding-Chefs gewesen war.

Betriebsversammlung und Pressekonferenz
Die Betriebsversammlung war nicht-öffentlich. Aber auf der anschließenden Pressekonferenz gaben die Betriebsräte Hanna Laser, Petra Knopf, Marianne Carl, Roman Fabian, Dr. Frank Kallmyer und Peter Erlanson bereitwillig Auskunft über die jüngsten Entwicklungen.

Vor allem gibt es für die jüngsten "Tiefschläge" vom Holding-Geschäftsführer Diethelm Hansen immer noch keine weiteren Erklärungen als diese: Abbau von Stellen. 1000 Vollzeitstellen für die gesamte Holding, für 73 befristete Stellen am LdW keine Verlängerung und dauerhafte Streichung von 21 Vollzeitstellen. Immer noch gibt es von Hansen kein Unternehmens-, kein Rationalisierungs-, kein Organisations- und vor allem kein Personalkonzept. Auch von der Politik gibt es keine Unterstützung. Obwohl Krankenhaus-Ausschuss-Vorsitzender Friedhelm Brumma (SPD) am Anfang noch auf dem Marktplatz gebrummelt hatte ("So geht das nicht!"), obwohl der Bürgermeister sich noch vor kurzer Zeit für Stremmel stark gemacht und ihn hier in Bremen gehalten hatte, heißt es jetzt nur noch: wir mischen uns nicht ein. Obwohl Böhrnsen wieder eingeladen worden war, ließ er nur erklären, dass er Hansens Vorgehen unterstütze.

Der Betriebsrat aber bleibt dabei: der Bremer Senat trägt die ungeteilte Verantwortung für das Klinikum, weil sie - zum Glück - öffentliches Eigentum sind. Öffentlich mag sich aber keiner der Verantwortlich zu den jüngsten Ereignissen äußern, wobei hinter den Kulissen eifrig hin- und hergeschoben wird. Peter Erlanson als Abgeordneter in der Bürgerschaft, hat deshalb vorgeschlagen, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu bilden um aufzudecken, was wirklich gespielt würde. Es gäbe tatsächlich zur Zeit mit der rot-grünen Mehrheit keinerlei parlamentarische Kontrolle für die vier kommunalen Kliniken. FDP und die LINKE wären für einen solchen Untersuchungsausschuss. Aber ohne die CDU fehlten die notwendigen Stimmen. Und die CDU ist dagegen, weil sie dann auch gegen sich selbst und ihre Rolle in der Zeit der großen Koalition ermitteln müßte.

Qualitätsverlust
Ausführlich wurden von den Betriebsräten auf der Pressekonferenz die Folgen eines weiteren Stellenabbaus erläutert: nämlich Qualitätsverlust. In einem Produktionsbetrieb wären die logische Folge bei einem derartigen Stellenabbau: "Dienst nach Vorschrift", also langsamer und weniger arbeiten, sowie die Produktion von Ausschuss für längere und teurere Nach- und Reparaturarbeiten. Beides hätte für das Management schnelle und schmerzhafte Folgen. Für ein Krankenhaus verbieten sich solche Überlegungen von vornherein. Patienten in Not können nicht einfach abgewiesen, medizinische und pflegerische Leistungen nicht einfach verweigert werden. Außerdem, so Marianne Carl und Dr. Kallmeyer, hätte das LdW bundesweit einen ausgezeichneten Ruf und niemand ein Interesse daran, diesen zu beschädigen.

Alle waren sich einig darüber, dass es am LdW nicht so weit kommen dürfe. Nicht so weit wie z.B. an der Vinvantes-Klinik in Berlin-Neukölln. Auf der Betriebsversammlung wurde ein Artikel aus dem Berliner "Tagesspiegel" vom 06.06.08 verteilt, in der Geschehnisse in dieser Berliner Klinik geschildert werden, wie sie sich am LdW (noch!) keiner vorstellen kann und will.

Hier einige Auszüge aus dem Artikel:
"Als der Schmerz sie durchfuhr, telefonierte sie gerade mit einer Bekannten. Ihre Hand fing an zu flattern. Hilde D. (Name geändert) kannte die Vorzeichen bereits - sie hatte schon zwei Schlaganfälle hinter sich und einen Herzinfarkt. Zehn Minuten später transportierten Feuerwehrleute die 72-jährige Frau mit Blaulicht in das Vivantes Klinikum Neukölln. Hilde D. wurde um 18 Uhr in ein Bett auf der Notfallaufnahme gelegt. Und das große Warten begann für die zierliche Frau mit dem Herzanfall."

Ein Pfleger hätte nach einer halben Stunde ein EKG gemacht; ein Arzt wäre erst nach sechs Stunden erschienen, um Mitternacht. Hilde D. wäre im Vivantes-Klinikum kein Einzelfall gewesen. Sie berichtete von zwölf anderen Patienten, mit denen sie im Flur gelegen habe. "Der Arzt, der schließlich nach sechs Stunden kam, sei ein 'freundlicher Internist gewesen'. Er habe sie schließlich auf die Neurologie überwiesen. Ihre Schmerzen seien glücklicherweise allmählich abgeklungen. Was aber wäre passiert, wenn sich Hilde D.s Zustand verschlechtert hätte?"

Und Hilde D. ist kein Einzelfall. In dem Tagesspiegel-Artikel berichtet ein weiterer Patient. Auch er hätte das Vertrauen in die Gesundheitsversorgung der Berliner Krankenhäuser verloren. Er war an der Schulter operiert worden - und bemerkte nach zwei Tagen einen starken Schmerz in der linken Wade. "Thrombose" wäre sein erster Gedanke gewesen. Krankenschwester und Pfleger hätten sofort das Notwendige veranlasst, nämlich Bein hochlegen, ruhig stellen, abtasten. Aber der diensthabende Arzt kam erst nach zwölf (!) Stunden; der Patient erhielt eine Heparin-Salbe zum Einreiben und einen Wadenwickel.

"'Untersuchungen wurden überhaupt nicht gemacht. Der Arzt war nach zwei Minuten wieder verschwunden', sagte der Patient. "Auch er hatte wie Hilde D. Glück im Unglück: Sein Hausarzt stellte später fest, dass eine Thrombose ausgeschlossen sei und er wohl an Kalziummangel leide. Was ihm bleibt, ist Wut, Ohnmacht und die Angst, irgendwann wieder ein Notfall zu sein, der auf Hilfe wartet, die nicht rechtzeitig kommt."
Quelle: Tagesspiegel vom 06.06.08

hier der ganze Artikel

Und nun der Clou dieser Geschichte, die einem nur Tränen der Wut in die Augen treiben kann: Geschäftsführer dieser Vivantes-Klinik in Berlin-Neukölln war - Diethelm Hansen.

In der Image-Broschüre des Klinikverbund Bremen konnten die Beschäftigten der Bremer Kliniken folgendes von ihm lesen: "2005 (kam) ein Angebot von der Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH, dem größten kommunalen Krankenhausverbund Deutschlands mit rund 5000 Betten und 13000 Mitarbeitern. Der Berliner Verbund bot ihm die Position des Regionaldirektors an - und Hansen sagte ja. Von den neun Häusern, die zu Vivantes gehören, leitet er das Klinikum Neukölln, mit 1100 Betten das größte des Verbundes. Hier trägt er als Regionaldirektor und Ärztlicher Direktor die alleinige Verantwortung für das Betriebsergebnis und die medizinische Entwicklung."

Ja, ja, das Betriebsergebnis, der Gewinn, steht im Vordergrund. Die "medizinische Entwicklung", wie es etwas verschämt in den Artikel heißt, ist sekundär. Diethelm Hansen hat den Artikel über seinen beruflichen Werdegang so überschrieben: "Konflikt zwischen Medizin und Ökonomie auflösen".

Sehr vielversprechend ist das nicht. Einige der Betriebsräte vom LdW prophezeiten, dass Hansen wie so viele andere vor ihm scheitern und das erste Jahr in Bremen nicht überstehen würde. Hoffentlich!
(sh)

Quelle: http://www.dielinke-bremen.de/nc/politik/aktuell/detail/artikel/holding-chef-diethelm-hansen-als-sanierer-fuer-das-ldw-weiterhin-kein-konzept/