DIE LINKE.  Bremen 


25. Juli 2007 Information

Der rote Keil und die Kunstgeschichte


Alles hat eine Vorgeschichte. Auch die kleinen und scheinbar unscheinbaren Dinge. Wie  der rote Keil, der den i-Punkt in unserem Partei-Logo ersetzt. Es ist der in Designer- und Grafikerkreisen bekannte Lissitzky-Keil. Und er stammt aus der berühmten Lithografie eines der wichtigsten und kreativsten Künstlers des russischen Konstruktivismus aus den frühen Jahren der russischen Revolution.

Die Lithografie aus dem Jahr 1919 hat den Titel: "Schlagt die Weißen mit dem roten Keil." ("Beat the Whites with the Red Wedge.") Wobei mit den Weißen die Konterrevolution gemeint ist. Wie man sieht, verbindet einer der Pioniere der abstrakten Kunst diese (noch) mit einem eindeutigen politischen Inhalt.

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El Lissitzky wurde 1919 an die Vitebsker Kunstschule als Professor berufen, begegnete dort Marc Chagall und Kasimir Malewitsch. Er arbeitete dann von 1921 - 1925 in Deutschland, Holland und der Schweiz.

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Lissitzky hatte Verbindungen mit den wichtigsten europäischen Künstlern der Avantgarde im Bauhaus und im Dadaismus; er war u.a. befreundet mit Hans Arp und Kurt Schwitters. Sein Wirken war universell. Wie andere Künstler der russischen Avantgarde beschränkte er sich nicht nur auf Malerei, sondern versuchte, den neuen Funktionalismus auch auf Fotografie, Buchgestaltung, Architektur und Stadtplanung auszudehen. mehr...

Dazu paßt gut, dass die Schrift der Marke DIE LINKE eine abgewandelte Futura ist. Diese Schrift wurde 1927 von Paul Renner entworfen und stark von der Bauhausbewegung inspiriert. Die Buchstaben setzen sich zusammen aus den Grundformen des Quadrats, des Kreises und des Dreiecks zusammen. Die Futura ist ein Prototyp aus der Familie von geometrischen oder konstruierten serifenlosen Linear-Antiqua-Schriften. mehr...

Die Verbindungen können noch weiter gezogen werden. Lissitzy gestaltete und illustrierte mehrere Gedichtbände von Wladimir Majakowski, mit dem ihn ebenfalls eine enge Freundschaft verband. Von Majakowski wiederum stammt der berühmte "Linke Marsch", der, von Hanns Eisler vertont und von Ernst Busch gesungen (auf der legendären Schallplatte von Aurora aus dem Jahr 1967), sowohl in der DDR als auch in linken Kreisen der BRD bekannt, beliebt und verbreitet war. Deshalb hier die erste Strophe des Liedes als Anregung für die Partei, die sich jetzt mit großem Anspruch DIE LINKE nennt.
mehr http://www.erinnerungsort.de/linker-marsch-_120.html

Linker Marsch
Entrollt euren Marsch, Burschen von Bord!
Schluß mit dem Zank und Gezauder.
Still da, ihr Redner!
Du
hast das Wort,
rede, Genosse Mauser!
Brecht das Gesetz aus Adams Zeiten.
Gaul Geschichte, du hinkst ...
Woll'n den Schinder zu Schanden reiten.
Links!
Links!
Links!

Die Frage ist ja, ob dieser literar- und kunsthistorische Hintergrund in der Partei bekannt und bewußt ist? Wie mir heute in einem Telefongespräch Volker Ludwig, Geschäftsführer der seit längerem mit der Linkspartei/PDS verbundenen Agentur DIG, erzählte, waren den Machern der Marke "DIE LINKE." diese Verbindungen zunächst nicht bewußt. Sie hätten in der Zeit vor dem Bundestagswahlkampf 2005 ganz und gar im Rahmen der üblichen Marketing-Überlegungen nach einer Wort-Zeichen-Kombination gesucht, die eine Unterscheidbarkeit bzw. Alleinstellung gegenüber den anderen Parteien deutlich machen sollte und könnte. So kam man schließlich auf DIE LINKE. mit dem bestimmten  Artikel und dem Punkt am Ende, um anspruchsvoll und bestimmt auf dem Meinungsmarkt der politischen Parteien auftreten zu können. Punkte, Kreise, Quadrate, Rechtecke wären schon von den anderen Parteien verwendet worden. Ein Dreieck aber noch nicht. So entstand also der Keil, ursprünglich Fähnchen genannt, über dem i. Das wiederum sollte/ konnte die Verbindung zu den roten Fahnen und Wimpeln der Arbeiterbewegung herstellen.

Auf den Lissitzky-Keil-Zusammenhang machte erst ein Leserbriefschreiber aus dem Neuen Deutschland aufmerksam; der Zusammenhang ist seitdem mehrmals beschrieben worden.

Marketing changiert zwischen Wissenschaft, Kunst (wenn sie gut ist) und Scharlatanerie (wenn sie schlecht ist). Gut ist sie, wenn sie wirkt. Warum, wieso und weshalb eine Wirkung erzielt wird, ist weithin spekulativ und läßt sich mit Vernunftgründen nur schwer erklären. Es spielen Formen, Farben, Gestaltung, aber auch Erinnerungen, Assoziationen und vor allem Emotionen - alles in kleinsten Dosierungen - eine Rolle. Ich nehme an, dass diese hier geschilderten historischen Hintergründe zur Wirkung  beitragen, auch wenn sie schon lange Vergangenheit sind und deshalb gar nicht direkt bekannt und bewußt sein können.  Unser Logo DIE LINKE. hat alles, was eine starke Marke braucht: Bekanntheit, Prägnanz, Sympathie, dazu ein Schuß Begeisterung - und nun auch noch Geschichte.

Informationen und Anregungen von Manfred Steglich und Volker Ludwig, ansonsten Internet und Wikepedia. Wer noch mehr zu diesen Zusammenhängen weiß - bitte eine mail an: shundt@fbw.hs-bremen.de.
(sh)

Ergänzung vom 01.08.07

Inzwischen hat mir Christoph Nitz ge-emailt, dass es Karin Schmidt-Friderichs war, die die Verbindung zwischen dem Lissitzky-Keil und dem LINKE-Logo zum ersten Mal in einem Interview erwähnt hat, das Christoph am 27.08.05 im Neuen Deutschland mit ihr über Wahlwerbung geführt hat. Karin Schmidt-Friderichs ist Verlegerin und leitet den Verlag für Typographie, Grafikdesign und Werbung Hermann Schmidt Mainz. Das Interview hier

Quelle: http://www.dielinke-bremen.de/nc/politik/aktuell/detail/artikel/der-rote-keil-und-die-kunstgeschichte/