DIE LINKE.  Bremen 


25. August 2007 Information

Antifaschismus in Bremen - Bericht von der 60-Jahr-Feier der VVN-BDA und dem Besuch der Delegation aus Meensel-Kiezegem

Es ist wahrscheinlich eine Bremer Besonderheit, dass auf einer Veranstaltung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes zwei Bürgermeister der Stadt anwesend waren. Ex-Bürgermeister Hans Koschnick ließ es sich nicht nehmen, trotz seines Alters seine Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. Und Jens Böhrnsen, als amtierender Bürgermeister, erzählte in seinem Grußwort zur 60-Jahr-Feier der VVN von seinen persönlichen Erinnerungen und verwandtschaftlichen Verbindungen an die antifaschistische Bewegung in Bremen und insbesondere in Gröpelingen. Er dankte der VVN ausdrücklich für ihr schon so lange Jahre währendes Engagement im Kampf gegen den Faschismus und schloß mit den Worten: "Der Auftrag ist aktuell, er ist nicht erfüllt."

Die wichtigsten Gäste aber waren die Mitglieder der "Stiftung Meensel-Kiesegeem 44", die der Landesvorsitzende der VVV, Raimund Gaebelein, aus Belgien nach Bremen eingeladen hatte. Sie kamen mit einiger Verspätung und wurden mit herzlichem Beifall begrüßt. Guido Hendrickx, der Vorsitzende der Stiftung, sprach auf flämisch sein bewegendes Grußwort. (Zitate aus der deutschen Übersetzung) Aus seiner kleinen Gemeinde waren 61 von 900 Einwohnern bei zwei Razzien der SS im Jahre 1944 ins KZ Neuengamme deportiert worden. 15 von ihnen starben auf der AG Weser als Opfer des faschistischen Rüstungswahns. Guido Hendrickx erzählte, wie vor fünf Jahren der Kontakt mit Rainer Gaebelein zustande kam und sie nach und nach die Außenlager in Bremen des KZ Neuengamme, die "fluchbeladenen Einsatzorte" (der Schützenhof, Blumenthal und Farge) dem Vergessen entreißen konnten. "Nach und nach bekam das Unbekannte für uns ein Gesicht. Eine Umkehr in unserem Erleben. Der unwiderstehliche Drang, mit großem Interesse wiederzukommen. Bremen wurde Haltepunkt auf unserer Jährlichen Gedenkreise. Bremen, dem wir schon früher mit versöhnlicher Haltung entgegentraten, hat sich heute zu einer Haustür entwickelt, durch die wir weitere Lagerorte woanders besuchen können. Unzwischen sind wir uns der heilsamen Kraft dieser bewusst, vor allem der Kontakte mit noch lebenden Zeitzeugen." Hier der Grußwort von Guido Hendrickx

Im Hinter- und im Vordergrund wirkte Raimund Gaebelein und führte durch die Veranstaltung. Raimund gab einen kurzen Abriß über die Geschichte der VVN in Bremen und spannte den Bogen bis in die Gegenwart: "...Die VVN gründete sich, um politisch der Welt und dem deutschen Volk zu zeigen, dass 'die besten, fortschrittlichsten, klarblickensten Men­schen, Männer und Frauen, es sind, die gestern gelitten haben und die heute als Warner und Wegweiser antreten,' so Dr. Hans Mayer in seinem Eröffnungsreferat anlässlich der Interzonalen Konferenz der VVN März 1947 in Frankfurt/Main. Als Hauptaufgabe stellte sich die VVN die Verwirklichung einer antifaschistischen Demokratie in Deutschland, den Kampf gegen alle Überreste von Nazismus und Militarismus, Rassenwahn und Antisemitismus gemeinsam mit al­len fortschrittlichen Kräften. Die wirklich Schuldigen waren und sind gerecht zu bestrafen.

Eine der wichtigsten Aufgaben sah und sieht die VVN in der Aufklärung der Bevölkerung, insbesondere der Jugend über die faschistischen Verbrechen, um eine Wieder­holung für immer zu verhindern. Über alle Grenzen von Weltan­schauung und Parteischranken hinweg galt und gilt das Geden­ken der Opfer des Widerstandskampfes, die Solidarität über alle Grenzen hinaus mit unseren ausländischen Bruderorganisationen und Opferverbänden.

Die VVN erachtet es als Ehrenpflicht des Staates die durch den deutschen Faschismus angerichteten Schä­den an Gesundheit und Eigentum aller ehemals Verfolgten, Ange­hörigen und Hinterbliebenen zu Lasten der Schuldigen und Nutz­nießer an Faschismus und Eroberungskrieg zu regeln. Gegen den Widerstand großer Teile der Bevölkerung wurde die Bundesrepu­blik aufgerüstet und in die NATO eingegliedert. Die ehemaligen Widerstandskämpfer waren in den ersten Reihen derer zu finden, die gegen Aufrüstung und den Abbau demokratischer Rechte kämpften.

Die Gefährlichkeit dieser Tendenzen wird durch die Tat­sache verstärkt, dass die Grenzen zwischen der konservativen Rechten, Militaristen und Revanchisten zum einen und Neofa­schisten zum anderen fließend sind. Am 4. November 2006 haben sich 10.000 Menschen klar und deutlich gegen den Aufmarsch der NPD in Gröpelingen ausgesprochen..." Hier die Begrüßung von Raimund Gaebelein

Zu Beginn spielte und sang die Gruppe Argus. Das Sextett traf mit seinen leisen und intensiven Tönen, den klugen und abwechslungsreichen Arrangements und vor mit seiner Auswahl von politischen Liedern genau den richtigen und bewegenden Ton.

Klaus Hübotter, der Bauherr des Bamberger Hauses, streifte die Geschichte dieses Hauses und auch kurz seine eigene antifaschistische Vergangenheit. Erhätte sich kein schöneres Geschenk zur Eröffnung diese Hauses vorstellen können als diese Veranstaltung in den kaum fertig gewordenen Räumen.

Nach einer kleinen Pause begann dann Heinrich Hannover (81) mit seinem Bericht über "Die vergessenen Widerstandskämpfer". In seiner unpathetischen, nüchternen und präzisen Art kritisierte er die offzielle Erinnerungskultur im gegenwärtigen Deutschland, das fast nur den sehr späten Widerstand der Militärs, die nie Antifaschisten waren, zur Kenntnis nehme. Dem setzte er die große Zahl von überzeugten und verfolgten Antifaschisten gegenüber, die sich schon bald im Adenauer-Deutschland neuen Anfeindungen und Verfolgungen gegenüber sahen. "Warum gibt es in Bremen nicht längst ein Robert-Stamm-Haus?" fragte Heinrich Hannover und erinnerte daran, dass auch die VVN, zwar nicht offiziell verboten, aber in der täglichen Verwaltungspraxis in den 50er und 60er Jahren der Bundesrepublik faktisch wie eine verbotene Organisation behandelt wurde. Er hätte am Anfang seines Berufslebens niemals Rechtsanwalt werden können, wenn er damals Mitglieder der VVN gewesen wäre. Hier die ganze Rede von Heinrich Hannover


Am 24.08.07 am "Schützenhof", einem Bremer Außenlager des KZ Neuengamme

Am folgenden Tag 24.08.07 traf sich die belgische Delegation mit einigen Vertretern am kleinen Denkmal am "Schützenhof", einem Außenlager des KZ Neugengamme in Gröpelingen. Die belgische Gruppe senkte die mitgebrachte Fahne, spielte die Nationalhymne und gedachte der Opfer, die von hier aus ihren Marsch zur Zwangsarbeit bei der AG Weser antreten mußten. Raimund erzählte in einer kurzen Rede, wie er und andere diesen Ort, an dem noch zwei Baracken stehen, wieder entdeckt und dann einen Gedenkstein eingerichtet haben. Und wie von hier aus der Kontakt zu der Gruppe aus Meensel-Kiezegem entstanden war.

"Vor 6 Jahren ... konnten wir mit dem Besitzer der früheren Lager-Baracken, der Bremer Schützengilde ins Gespräch kommen. Die Gefahr bestand, dass das Gelände enteignet und mit modernen Häusern bebaut werden sollte. Es gab Gespräche mit dem Vorstand über eine Gedenktafel zur Erinnerung an die toten KZ-Häftlinge. Die erste Frage war: „Junge, warum kommst du jetzt erst damit?“ Der Stadtteilbeirat Gröpelingen bewilligte das Geld für die Gedenktafel, Kollegen der Stahlwerke waren bereit die Tafel zu transportieren und anzubringen. Am 29. April2002 wurde die erste Tafel an der Mauer eingeweiht. Mit René Thirion hatten wir einen Zeitzeugen, der uns aus eigenem Erleben schilderte, was in diesem Außenlager geschah. Die Namen und Lebensdaten der Toten hatten wir aus Neuengamme erhalten. Wir druckten sie Namen für Namen aus und gestalteten eine Tapetenwand. Freunde der Amicale Belge de Neuengamme wiesen uns auf die Häufung von Namen aus einem Ort hin: Meensel-Kiezegem. Frau Carla de Lil stellte den Kontakt zur Stiftung Meensel-Kiezegem 44 her. Wir erhielten Euren Film und gewannen einen ersten erschütternden Eindruck der Geschehnisse im August 44.

Als ich Mitte Oktober 2002 von Eurem Stiftungsvorsitzenden Guido Hendrickx durch Meensel-Kiezegem geführt und mit der Situation des August 44 vertraut gemacht wurde, da entstand die Idee zu einer Erinnerung in Bremen. Am Ehrenfriedhof kam dann der Schock: die meisten Gräber waren leer. Eine Spurensuche nach dem Verbleib der Toten begann. Zum Glück gab es Überführungslisten von lokalen Friedhöfen zu einem zentralen Punkt: dem Osterholzer Friedhof. Hier ließen sich auch die Namen und Lebensdaten von fünf Bürgern aus Meensel-Kiezegem finden, dazu kam, dass ihre Namen auf Steinplatten eingraviert waren. Seither wurde dies für weitere Stadtrundgänge und Ausstellungen wichtig. Hier fanden wir auch Menschen, die bereit waren darüber zu berichten, was sie als Jugendliche mitbekommen hatte..."

Hier die Rede von Raimund Gaebelein


Die nächsten Besuchsstationen: der Bunker Valentin in Bremen-Farge, die Gedenkstätte in Blumenthal und das Mahnmal auf dem Osterholzer Friedhof.

Hier ein Bericht von unseren Gästen: Oktaaf Duerinckx und Tom Devos:

Mit anderen Augen
Die Musik von Argus klang so überzeugend, dass wir gleich eine CD kaufen wollten: saubere Musik, herrliche Stimmen und ein einzigartiges Zusammenspiel von Widerstandliedern und eigenem Schaffen. Ein überzeugender Bremer Bürgermeister stellte uns Chancen und Schwierigkeiten einer großen Stadt dar die Tide des Neofaschismus umzukehren. Er stellte heraus, dass es nicht Neofaschismus ist, sondern der alte Faschismus von früher, der sich überall wieder erhebt. Er verdiente es auch mehrfach starken Beifall zu bekommen. Rechtsanwalt Heinrich Hannover führte uns in die Geschichte des Antifaschismus in Deutschland des 20. Jahrhunderts vom Beginn bis heute. Wir konnten es nicht fassen, wie sie beständig auf Hindernisse stießen und doch immer wieder den Kopf oben behielten.

(Am folgenden Tag wurden am Schützenhof) Blumen an der Gedenktafel für Meensel-Kiezegem niedergelegt. Dann begaben wir uns dahin, wo das Lager gestanden hatte. Viel ist wirklich nicht mehr davon übrig geblieben. Wir trafen zwei Niederländer, die unser Vorsitzender Guido (Hendrickx) am Vorabend kennengelernt hatte. Einer von ihnen (Cees Ruijter) hatte den Gedichtband eines Mitgefangenen dabei und las daraus ein paar Gedichte. Er selbst hatte als 19jähriger (auf der A.G.Weser) mit einem Fahrzeug Verbindung und Transport zwischen verschiedenen Werkstätten halten müssen. Von hier fuhren wir mit ein paar VVN’lern nach Farge.

Als wir in Farge ankamen, suchten sie erst mal unsere Besuchserlaubnis. Nach einigem Hin und Her beschlossen wir erst einmal die Gedenkveranstaltung am Mahnmal „Vernichtung durch Arbeit“ zu halten. Inzwischen betrat ein Maat der Kriegsmarine die Bühne. Er wollte das Ganze beenden, die Regeln waren strikt zu befolgen, da es einen neuen Kommandeur gab. Nach einem Wort unter vier Augen von Mariner zu Mariner konnten wir dann doch in den Bunker, nachdem wir unsere Personalausweise abgegeben hatten. Am Depotende stand die Ausstellung über Farge und den Bunker. Wir gingen erst in den hintersten und gefährlichen Teil, wo wir deutlich die Bombeneinschläge und die Schleuse sehen konnten, wo U-Boote hätten gebaut werden sollen. In der Tat ist hier kein einziges U-Boot des neuen Typs ausgefahren. Damit hatte dieser Riesenbunker keinen Nutzen gebracht und ist ein weiteres Zeichen für den völligen Wahnsinn der Nazilehren. Die Ausstellung selbst schien uns interessant genug um noch etwas länger zu bleiben. Wir fanden auch den Lebenslauf von Frans van Gilbergen. Mit dem Bus fuhren wir weiter, um Blumenthal mit unserem Besuch zu beehren.

Zum dritten Mal fanden wir dort Verfall vor: ungepflegte Steine, wucherndes Unkraut und Gras zwischen den Steinplatten verschafften dem Ganzen einen verwahrlosten Eindruck. Trotz des Briefs von Raimund Gaebelein an die zuständigen Behörden sahen wir keine Veränderung. Als Raimund beim Ortsamtsleiter von Blumenthal anfragte, antwortete der ihm „Mit ihnen spreche ich nicht!“ und pfiff auf die gute Zusammenarbeit, die wir mit den anderen deutschen Freunden haben. Hand in Hand hörten wir das Beethovenlied. Von dort fuhren wir schnell weiter zum Osterholzer Friedhof.
Vom stellvertretenden Leiter, Herrn Thölken, wurde uns zum zweiten Mal ein Eintopf gereicht. Es ist ganz ungewöhnlich, dass Behörden Besucher so verwöhnen. 50 Menschen zum Essen einzuladen ist sonst nirgendwo üblich. Bei uns passiert es nicht, dass eine Gruppe von Friedhofsbesuchern so (zuvorkommend) behandelt wird. Anschließend an die Gedenkveranstaltung an den Grabplatten mit den Namen unserer Mitbürger  besuchten wir auch die restaurierte Friedhofskapelle: ein prachtvoller Kuppelbau. Nach dem Gedicht (von Ina) erklangen ergreifende Töne: die Klaviermusik zu ‚Schindlers Liste’. Ein Augenblick der Stille, die jeden ergriff.
Aus den täglichen Reiseberichten von Oktaaf Duerinckx und Tom Devos
Der ganze Bericht hier

Die Ansprache von Raimund auf dem Osterholzer Friedhof

Die Ansprache von Guido Hendrickx in Neuengamme

Das Schlußwort von Guido Hendrickx in Neuengamme

mehr Fotos von der belgischen Delegation hier...

Quelle: http://www.dielinke-bremen.de/nc/politik/aktuell/detail/artikel/antifaschismus-in-bremen-bericht-von-der-60-jahr-feier-der-vvn-bda-im-bamberger-haus/