DIE LINKE.  Bremen 


3. Juni 2008

183. Montagsdemo: Heftiger Streit mit "Buten & Binnen"

Am 24.05.08 hatte "Buten & Binnen" einen Beitrag "Mit dem Grafittimobil durch Oldenburg" gesendet. Hier wurde gezeigt, wie die Reinigung von Hauswänden von Arbeitslosengeld-II-Beziehern, die sich auf diese Weise etwas dazuverdienen, durchgeführt wird. Elisabeth Graf von der Bremer Montags-Demo empörte sich über die Sendung:

"Die Zeitung mit den vier Großbuchstaben hätte eine solch stupide Berichterstattung nicht besser hinkriegen können. Es ist unverantwortlich, für die menschenverachtenden Ein-Euro-Jobs, die sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze vernichten, die jahrzehntelang erkämpfte Arbeitnehmerrechte einfach mal so in die Tonne treten, eine derart volksverdummende Werbung zu betreiben!" (In unserer Meldung vom 28.05.08 über die 182. Montagsdemo haben wir ausführlich darüber berichtet.)

Elisabeth Graf hat auch eine entsprechende e-mail an die "Buten & Binnen"-Redaktion geschickt  - und umgehend eine Antwort von der Abteilungsleiterin Silke Hellwig erhalten, die sich wohl über diese Kritik ordentlich geärgert hat. Das war aber noch nicht alles, denn Frau Hellwig ärgerte sich noch mehr, als ihr Brief  umgehend auf der Website der Bremer Montag-Demo erschien und auch hier abgedruckt wurde. Frau Hellwig  verlangte in ihrem Brief nicht mehr und nicht weniger, als dass ihr Beitrag wieder gelöscht werden müsse und drohte gleichzeitig - natürlich - juristische Schritte an.

Das ist pikant und blamabel zugleich. Die Bremer Regionalsendung, die sich für ihre kritische Haltung immer viel zugute gehalten hat, droht, wenn eine ihrer Sendungen mal kritisiert und die - teilweise reichlich unverschämte - Reaktion auf diese Kritik öffentlich gemacht wird, mit der juristischen Keule.
(sh)

Hier also die Antwort des Redakteurs der Montagsdemo-Website:

Bremischer Qualitätsjournalismus
Warum „Radio Bremen“ kein Kamerateam zur
Montagsdemo schickt, sondern den Anstaltsjustiziar
Nun habe ich zum ersten Mal, seit ich die Homepage der Bremer Montagsdemo betreue, einen „Drohbrief“ erhalten – ich schreibe das in Gänsefüßchen, weil er mir natürlich nicht anonym über die Türschwelle geschoben wurde, weil er im Ton durchaus höflich gehalten ist, weil er lediglich juristische Maßnahmen ankündigt und sogar mit „schönen Grüßen“ endigt. Aber in der Sache ist Absenderin Silke Hellwig von „Radio Bremen“ knallhart: Sie will mir, dem mittellosen Hartz-IV-Betroffenen ohne Rechtsschutzversicherung, den Justiziar ihrer Anstalt „an den Hals hetzen“, wenn nicht umgehend – und diese Forderung erfordert nun wirklich eine gebührende Kunstpause – wenn nicht umgehend der von ihr verfasste Antwortbrief an die Montagsdemonstrantin Elisabeth Graf von unserer Homepage entfernt wird!

Aber lassen wir Frau Hellwig selbst zu Wort kommen: „Hallo Herr Brettschneider, vielen Dank für Ihre Mail. Auch wenn ich heute nicht anders antworten würde – es ist ein gravierender Unterschied, ob ich einer Zuschauerin, also einer Privatperson, die sich bei uns beschwert, antworte – oder ob ich eine offizielle Stellungnahme abgebe, die veröffentlicht werden soll. Es kann nicht sein, dass Sie etwas online stellen, ohne das vorher anzukündigen. Deshalb fordere ich Sie auf, den Brief umgehend von der Homepage zu entfernen. Ich wüsste nicht, dass ich Ihnen erlaubt hätte, unsere Antwort an Elisabeth Graf zu veröffentlichen. Sollten Sie meiner Aufforderung kein Gehör schenken, wird sich unser Justiziar mit Ihnen in Verbindung setzen müssen. Schöne Grüße, Silke Hellwig.“

Ja, sapperlot! Da opfert eine erfolgsverwöhnte junge Fernsehjournalistin, die schon für die „Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine“ geschrieben hat, ein geschlagenes Viertelstündchen ihrer gebührenfinanzierten Arbeitszeit, um ein schmissiges Textlein aus ihrer talentierten Feder fließen zu lassen, das mindestens einen halben „Buten-un-binnen“-Beitrag gefüllt hätte – und dann will sie ihn nicht mal veröffentlicht sehen? Ja, was hat es denn mit diesem Brief auf sich?

Ganz einfach: Er liest sich unbedacht und durch und durch verzickt. Dabei ist Silke Hellwig als „Abteilungsleiterin Fernsehen aktuell“ eine öffentliche Person. Die Montagsdemo wiederum ist eine öffentliche Veranstaltung, zu der Frau Hellwigs „Buten-un-binnen“-Team von der regelmäßig auf dem Marktplatz auftretenden Rednerin Elisabeth Graf ausdrücklich und unter Verweis auf diese Homepage eingeladen wurde. Den erhaltenen Antwortbrief hat Frau Graf, die über ihren Posteingang selbstverständlich freies Verfügungsrecht hat, mir als Webmaster der Montagsdemo zur Veröffentlichung überlassen. Nun reuen Frau Hellwig, auch wenn sie das nicht zugeben mag, ihre ungewollt aufschlussreichen Äußerungen.

Kurz zu den Fakten: Am 24. Mai 2008 brachte das Bremer Fernsehmagazin „Buten un binnen“ einen Beitrag über das Oldenburger „Grafittimobil“, das mit Arbeitslosengeld-II-Beziehern umherfährt, die sich „etwas dazuverdienen“ sollen, indem sie Schmierereien von Hauswänden oder Brückenpfeilern entfernen. Elisabeth Graf empörte sich darüber, dass diese Arbeit nicht von regulär sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ausgeführt wird – und man dem Fernsehpublikum stattdessen einen „geläuterten Ex-Knacki“ präsentiert, der beteuert, viel lieber beim „Grafittimobil“ zu arbeiten „als zu Hause rumzusitzen“. Frau Graf verband ihre Kritik mit der Aufforderung, zu unserer Montagsdemo zu kommen, denn hier können die Redakteure erfahren, wie es im wirklichen Hartz-IV-Leben zugeht – auch bei Ein-Euro-Jobbern.

Und was antwortet die „Chefin vom Dienst“? „Wir bilden uns unsere eigene Meinung, deshalb kommen wir auch nicht zu Ihren Montagsdemos“ – kann man Voreingenommenheit arroganter zum Ausdruck bringen? „Vielleicht ist Ihnen bei all Ihrer Empörung entgangen, dass sich dieser Beitrag vor allem um das Entfernen von Graffitis drehte und nicht um Hartz-IV-Empfänger“ – kann man klarer sagen, dass man nicht gewillt ist, den Zuschauer mit den nötigen Informationen zur Vielschichtigkeit eines Problems zu versorgen, damit dieser sich tatsächlich eine Meinung bilden kann, statt nur seine Vorurteile zu pflegen?

Es liegt doch auf der Hand, dass mit Ein-Euro-Putzern Maler arbeitslos gemacht werden – und man könnte ja auch mal jugendliche „Straftäter“ interviewen, was sie dazu getrieben hat, ihre ehemalige Schule zu verwüsten oder ihren Stadtteil mit Graffitis zu verschandeln, „statt eine Ausbildung zu machen“. Auch ist der junge „Ex-Knacki“ natürlich ganz zufrieden mit der ihm zugewiesenen Arbeit, wenn er für sie zusätzlich zu Unterkunft und Verpflegung sogar einen ganzen Euro pro Stunde bekommt – statt nur zwölf Cent wie in der Oslebshauser Knastwerkstatt. Den Kollateralschaden derartiger Berichterstattung haben die übrigen Hartz-IV-Empfänger, deren „buten un binnen“ informierte Gesprächspartner sich nun – wenn es herauskommt, dass man schon mal einen Ein-Euro-Job gemacht hat – vielleicht unwillkürlich fragen, ob man etwa ein Ex-Knacki sei.

„Wir kauen den Zuschauern nicht vor, was sie zu denken haben – ich vermute, das verstehen Sie unter ‚politischem Engagement‘“, lautet ein weiterer Satz aus dem Brief, den die Besucher unserer Homepage jetzt doch lieber nicht mehr lesen sollen. Was Frau Hellwig – die sich aufgrund der Artikel aus ihrer Zeit beim „Weser-Kurier“ der unkritischen „Hofberichterstattung“ zeihen lassen muss – ihrerseits unter „politischem Engagement“ versteht, hat sie vor einiger Zeit auf einer Diskussionsveranstaltung durchblicken lassen. Ganz unangebracht oder sogar „unhöflich“ findet sie es demnach, einfach auf die Barrikaden zu steigen, wenn durch den eigenen Vorgarten eine Stadtautobahn betoniert wird. Vorbildlich sind dagegen jene Bürger, die dort „Stiefmütterchen im Dreieck“ pflanzen, wenn dem Land das Geld fehlt – wobei die Frage, wie es dazu kommen konnte, vermutlich den Rahmen ihrer Reportagen sprengen würde.

Ja, zu solch fleißigen Null-Euro-Gärtnern wird Silke Hellwig sofort mit ihrem „Buten-un-binnen“-Team anrauschen und ihre Techniker die zarten Pflänzchen dramatisch ausleuchten lassen! Und wenn die Sendezeit reicht, darf der Geschäftsführer der „Botanika“ dazu noch ein paar zungenbrecherische Fachtermini zur Artenvielfalt in hanseatischen Innenstädten einflechten. So schließe denn auch ich diese kleine Glosse mit einer „Drohung“: nämlich, alle fürderhin eintreffenden „Drohbriefe“ von „Radio Bremen“ ebenfalls „umgehend“ auf dieser Homepage zu veröffentlichen.
Gerolf D. Brettschneider (parteilos)

Quelle: Bremer Montagsdemo v. 02.06.08

Am 12.06.08 hat die Taz in einem ganz guten Artikel über diese Auseinandersetzung mit Radio Bremen berichtet mit dem Titel: "Radio Bremen ganz privat.



Quelle: http://www.dielinke-bremen.de/nc/politik/aktuell/detail/artikel/183-montagsdemo-heftiger-streit-mit-buten-binnen/