
Fotos von der Betriebsversammlung wurden von der Geschäftsleitung nicht zugelassen.

Am Sonnabend um 21 Uhr bei der Mahnwache. Quelle: www.mdexx.info.
Nach mehreren Warnstreiks und Betriebsversammlungen hat sich der Geschäftsführer, Dietrich Tienken, endlich dazu durchgerungen, das Schweigen gegenüber der Belegschaft aufzugeben und auf der Betriebsversammlung am Montag, 30. November, zu erscheinen. Sie beginnt auf Bitten der Geschäftsführung eine halbe Stunde früher als geplant, nämlich schon um 9 Uhr. Der Betriebsratsvorsitzende Herbert Strosetzky und Peter Stutz von der IG Metall sind sich einig: "Endlich bewegt sich was. Wir beginnen die Versammlung gerne eine habe Stunde früher und stellen 'freies Geleit' für den Geschäftsführer sicher. Wir erwarten von ihm eine Entschuldigung und die Rücknahme der Kündigungen. Wir fordern, dass sich endlich auch etwas bei den Unternehmenskonzepten bewegt. Wir sind kompromißbereit für neue Lösungsansätze. Aber wir brauchen für alle Beschäftigten eine echte Perspektive: für die, die auch in Zukunft bei mdexx in Bremen arbeiten und für die, die nicht auf Dauer bleiben können. Sobald eine akzeptable und belastbare Lösung unterschrieben ist, beenden wir die Aktionen - aber auch erst dann!"
Nach der letzten Betriebsversammlung am Freitag war beschlossen worden, am Haupttor das ganze Wochenende bis Montag früh über eine Mahnwache zu organisieren. Die Beschäftigten wollen sicherstellen, dass nicht in einer weiteren Nacht- und Nebelaktion nach den Kündigungen Maschinen und Anlagen abtransportiert werden. Schließlich gibt es schon eine ganze Reihe von unrühmlichen Beispielen, wo die Beschäftigten eines Morgens vor dem verschlossenen Tor standen und die Fertigungshallen leergeräumt waren. Das soll bei mdexx nicht passieren. "Die Mahnwachen", so der Betriebsrat, "freuen sich über jede und jeden, der vorbeischauf! Da ist praktische Solidarität gefragt."
Die Belegschaft von mdexx erhält inzwischen eine breite Solidarität aus anderen Betrieben und aus der Bremischen Öffentlichkeit. Weserkurier, Taz, einige Anzeigenblätter, Radio und Regionalfernsehen berichten umfangreich über die empörenden Vorgänge. Betriebsräte und IG-Metall-Vertrauenskörperleitungen von Airbus, von Arcelor Mittal, den früheren Stahlwerken, von Mercedes und vielen anderen Betrieben waren mit Abordnungen auf der Betriebsversammlung am Freitag erschienen und überbrachten solidarische Grüße. Für das Forum Kirche der evangelischen Kirche sprach Ingeborg Danielzick. DIE LINKE war mit den Abgeordneten Monique Troedel, Inga Nitz und Peter Erlanson gekommen; und sie hatten außer einer Solidaritätserklärung auch reichlich Kuchen zur Stärkung mitgebracht. Vertreter der SPD sagten der Belegschaft in ihrem Kampf ebenfalls ihre Unterstützung zu; aber zur Enttäuschung der Anwesenden auf der Versammlung hatten sie sich zu einem persönlichen Erscheinen leider nicht durchringen können.
Für die Betriebsversammlung hatte sich der Betriebsrat eine etwas neue Form im Arbeitskampf ausgedacht: er nannte sie "Industrie-Camping" und hatte die Beschäftigten dazu aufgefordert, sich Camping-Stühle und auch einige -tische mitzubringen. In der Fertigungshalle, wo sonst Transformatoren gebaucht werden, sind ja sonst nicht allzu viele Sitzgelegenheiten vorhanden.
Die Geschäftsführung erntete Zorn und Spott für ihre "Mitarbeiterinformation", die sie mit Datum vom 27. November an alle verschickt hatte. "Die Ereignisse und Medienberichte der vergangenen Tage fordern eine Klarstellung", hieß es da. "Wie sie wissen, haben wir inzwischen Kündigungen ausgesprochen... Wir haben Alternativen - einschließlich der von Seiten des Betriebsrats angeführten Kurzarbeit bzw. Arbeitszeitreduzierung - geprüft. Leider haben diese sich als wirtschaftlich nicht tragfähig erwiesen. Weniger einschneidende Maßnahmen kommen nicht in Betracht." Klar gemacht wurde in dem Brief, dass die Geschäftsführung nicht bereit war, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Aber den Mut, das auch vor den Beschäftigten zu vertreten - den brachte die Geschäftsführung nicht auf. Trotz Einladung war sie zur Betriebsversammlung (wieder) nicht erschienen.
In der Belegschaft war daraufhin auch keinerlei Bereitschaft vorhanden, die Arbeit wieder aufzunehmen. Gegen Schluss der Betriebsversammlung rief der IG-Metall-Vertreter Peter Stutz unter großem Jubel zu einem weiteren Warnstreik auf, der bis Montag, den 30. November, 9.00 Uhr, befristet wurde. Der Betriebsrat seinerseits erklärte die Betriebsversammlung für unterbrochen und lud zur Fortsetzung am Montag ein. Dann werden, so wurde angekündigt, Betriebsräte aus dem Siemensbereich und anderen Betrieben Solidarität leisten. Der bekannte Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Rudolf Hickel hat seine Teilnahme ebenfalls zugesagt.
Peter Stutz wusste zu berichten, dass es "Signale" aus dem Siemensbereich gibt, die für die am 1. Dezember tagende Einigungsstelle eine Konfliktlösung andeuten. Übrigens: die Geschäftsleitung konnte dem Betriebsrat nicht verbieten, Gäste einzuladen. Und die Pförtnerei musste sie auch - nach einer Intervention - auf das Betriebsgelände lassen. Aber das Fotografieren wurde verboten. Und der Rechtwanwalt des Betriebsrats, Michael Nacken, empfahl nach kurzer Beratung, sich daran zu halten. Deshalb also keine begleitenden Fotos in diesem Bericht.
(sh)
Inzwischen gibt es von der streikenden Belegschaft eine eigene Internet-Informationsseite: http://www.mdexx.info. Enthalten sind aktuelle Informationen und ein sehr interessanten und informatives Gästebuch.