Die wirtschaftliche Lage erlaube keine Verzögerung bei der Umsetzung der Kündigungen, gekündigt werden müsse sofort, notfalls auch noch in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag und mit Boten. Das war die Anweisung des Finanzinvestors und 80%-igen Eigentümers CGS aus der Schweiz an die hiesige Geschäftsleitung von mdexx. Noch am Dienstag hatte die Geschäftsleitung vor dem Arbeitsgericht Bremen-Bremerhaven mit dem Betriebsrat einen Vergleich geschlossen, nämlich bis zwei Tage vor Weihnachten keine Kündigungen auszusprechen und Verhandlungen über Kurzarbeit und Arbeitszeitverkürzung aufzunehmen. Eine Hintertür hatte sich der Rechtsanwalt des Arbeitgebers allerdings offengehalten. Bis Mittwoch, 12 Uhr, könne der Vergleich widerrufen werden, wenn eine entsprechende Anweisung aus der Schweiz in Bremen eintreffe. Das ist geschehen: die Arbeitgeberseite hat dem Vergleich widersprochen. Und das Arbeitsgericht hat auch schon, wie in der Verhandlung angekündigt, seine Entscheidung gefällt und explizit bis zum 21. Januar Kündigungen verboten. "Das heißt," so der Arbeitsgerichtsdirektor Adolf Claussen im Regionalfernsehen, "dass dann der Arbeitgeber keine Kündigungen aussprechen darf, bevor nicht die Verhandlungsoption auch tatsächlich wahrgenommen worden ist." Die nächtliche Kündigungsaktion startete trotzdem.
Herbert Strosetzky, Betriebsratsvorsitzender, berichtete im Weserkurier: er wäre nachts um halb vier von einem Kollegen angerufen worden, der ein Geräusch an seinem Briefkasten gehört habe. Er hatte das Kündigungsschreiben erhalten. Viele Kollegen der Frühschicht, die ohne einen Blick in ihre Briefkästen zur Arbeit gekommen waren, seien gleich wieder nach Hause gefahren, um nachzusehen. Gekündigt wurde offenbar allen 198 Beschäftigten, wie von Anfang an geplant.
Peter Stutz, IG-Metall-Sekretär erläuterte in der Fernsehregionalsendung von Radio Bremen: "Wir haben es in der Verhandlung erlebt, wie der Arbeitgeberanwalt die Richterin und alle Anwesenden belogen und gesagt hat: wir kündigen nicht vor morgen mittag. Trotzdem wurde der Auftrag der Heuschrecke eiskalt durchgezogen."
Zur Zeit (10 Uhr) läuft eine Betriebsversammlung bei mdexx, auf der das weitere Vorgehen beraten wird. Für Freitag und Montag sind weitere Betriebsversammlungen angekündigt. Die Beschäftigten, Betriebsrat und Gewerkschaft können auf eine breite Welle der Solidarität in Bremen hoffen: aus anderen Betrieben, aus der Politik und anderen gesellschaftlichen Bereichen. Die evangelische Kirche hat schon den Anfang gemacht und sich mit den Streikenden und ihrem Kampf solidarisiert.
(sh)
eine gekürzte Fassung ist unter dem Titel "Kündigung nachts um vier" in der Jungen Welt v. 27.11.09 erschienen.