
Margot Konetzka, 1946 Eintritt in die KPD, jetzt im Vorstand der DKP im Bezirk Bremen. Tätig u.a. auch im Demokratischen Frauenbund, im Friedensforum Bremen, bei der Mahnwache auf dem Marktplatz und beim Solidaritätsbasar jeweils im November.
Es wird - das ist nun wohl endgültig - für die am 4. Februar 1919 gefallenen Verteidiger der Räterepublik zwei Gedenkfeiern auf dem Waller Friedhof geben. Die erste am 8. Februar wird von einer Gruppe vorbereitet, in der die VVN-BDA, DKP, BAL, avanti, MASCH, Initiative Nordbremer Bürger gegen den Krieg u.a. vertreten sind. Sprechen werden Hermann Gautier (Abgeordneter der KPD in Bremen von 1951 - 1959 und DKP-Mitglied), Heike Hey (Mitglied der Bremer Antikapitalistischen Linken) sowie Jasper und Oskar von avanti-Bremen. Diese Gruppe hat, in wechselnder Zusammensetzung, seit Jahren die Gedenkfeiern zum 4. Februar vorbereitet. (Zur Information hier eine Liste seit 1947 jeweils mit den aufrufenden Organisationen und den Rednern)
Dieses Jahr ist es anders. In diesem Jahr hat sich beim DGB ebenfalls eine Vorbereitungsgruppe gebildet, die eine zweite Gedenkfeier für den 1. Februar mit Hans Koschnick als Sprecher organisiert hat. Trotz vieler Gespräche und Vermittlungsversuche zwischen diesen beiden Gruppen hat es keine Einigung gegeben. Es gibt sogar noch eine dritte Gruppe, bestehend aus den Historikern Karl Heinz Roth, Jörg Wollenberg sowie dem bekannten Schauspieler Rolf Becker, die eine Veranstaltung am 4. Februar in der Villa Ichon zur Räterepublik machen wird. Der Streit um diese Gedenkfeiern ist ebenso traurig wie beschämend, und er beschäftigt die Bremer Linke nun schon seit mehreren Monaten. Alle betonen immer wieder ihren Einigungswillen; aber eine Einigung wird es mit Sicherheit nicht mehr geben. Über die Hintergründe wurden in ausführlichen Interviews Raimund Gaebelein von der VVN-BDA und Hans Koschnick befragt.
Margot Konetzka ist seit vielen Jahren bei den Vorbereitungen für die Gedenkfeier dabei. Eigentlich wollte sie sich zu diesen ganzen Streitereien überhaupt nicht äußern. Es brauchte einige Überredungskünste, bis sich Margot zu diesem Interview bereit fand. Das Inteview ist autorisiert. Die Fragen stellte Sönke Hundt
Frage: Warum wird die Gedenkfeier für die Gefallenen der Räterepublik, die seit vielen Jahren Anfang Februar auf dem Waller Friedhof stattfindet, jetzt überhaupt so wichtig genommen. Und warum wird der Streit, der jetzt ausgebrochen ist, eigentlich mit einer derartigen Heftigkeit geführt? Die Novemberrevolution und die Räterepublik sind doch seit 90 Jahren Geschichte!?
Antwort: Ich kann dazu auch nur Vermutungen äußern. Das eine ist natürlich, dass es über die Einschätzung dieses Teils der Bremer Geschichte eine große Unsicherheit gibt. Lange Zeit war eigentlich Konsens, bis breit in die Sozialdemokratie hinein, dass dieser Umsturzversuch damals zum "Wohle Deutschlands" niedergeschlagen wurde. Damit verhindert wird, dass hier so etwas wie eine Sowjetunion errichtet wird. Das war bei der Sozialdemokratie, zum großen Teil bei den Gewerkschaften und vor allem bei den Medien Konsens. Dass das gut war, dass dieser Umsturzversuch niedergeschlagen worden ist. Vielleicht nicht so brutal, aber letzten Endes wäre das notwendig gewesen.
Während dieser ganzen Zeit gab es die Ost-West-Konfrontation. Die ist nun weg. Und nun sieht man, dass das System hier trotzdem nicht besser geworden ist, sondern immer schlechter. Und das lässt viele fragen: "Vielleicht war doch irgendetwas dran an der Geschichte damals. Und vielleicht können wir daraus etwas lernen für heute."
Vielleicht soll aber diese Diskussion auch nur ablenken von Problemen, die heute viel wichtiger wären. Man streitet sich über längst vergangene Geschichten, aber man kümmert sich nicht wirklich um die Probleme von heute. Wenn man sich heute die politische Entwicklung anguckt, weiß keiner, was uns die nächste Zeit bringen wird. Die jetzige Krise wird mit Sicherheit nicht bei den Banken allein bleiben. Ich hoffe nur, dass die Diskussionsteilnehmer in den vielen Veranstaltungen, die zu diesem Thema schon stattgefunden haben und noch stattfinden werden, sich vielleicht auch darüber Gedanken machen, was wir vielleicht heute tun müssen, um das, was vor uns steht, in die richtige Bahn zu lenken. Ich wünschte es mir! Aber ob es so ist, ich weiß es nicht.
Frage: Welche Erinnerungen an die damaligen Zeiten, während und nach der Novemberrevolution, hast Du - aus den Erzählungen Deiner Eltern, Deiner Familie, Deinem Umkreis - an die Novemberrevolution?
Antwort: Ich bin ja erst zehn Jahre nach diesen Ereignissen geboren. Die Novemberrevolution hat damals ein völlig neues Zeitalter eingeleitet. Erst mal war es ganz wichtig für die Menschheit, dass der Krieg beendet wurde. Die Novemberrevolution hat ja als erstes auf ihre Fahnen geschrieben, dass dieser mörderische Krieg beendet wurde. Und dass der Hunger beseitigt wurde. Dazu kommen noch viele andere Dinge. Es existierte in Bremen noch das Acht-Klassen-Wahlrecht, es existierte der 16-Stunden-Tag. Für uns Frauen gab es kein Wahlrecht. Wenn man sich überlegt, dass die Bürgerschaft noch auf ihrer letzten Sitzung dafür gesorgt hat, dass die Frauen kein Stimmrecht erhalten! Außerdem wurde der Senat damals auf Lebenszeit gewählt.
Durch die Novemberrevolution wurde eine Entwicklung eingeleitet, die für die Menschen, die damals die Unterdrückten gewesen sind, eine Erleichterung gebracht hat. Die Kämpfer der Novemberrevolution haben gehofft, sie würden eine Räterepublik aufbauen können, wie sie in der Sowjetunion, in Russland damals schon existierte. Leider ist das - das muss ich wieder sagen - durch die Politik der Sozialdemokratie verhindert worden. Die KPD, in die ich dann gleich nach dem Krieg eingetreten bin, ist im Kampf während der Novemberrevolution 1919 gegründet worden. Man macht ja heute den Kämpfern in mancher Hinsicht Vorwürfe. Und sicherlich sind auch Fehler begangen worden, das ist immer so. Die Kämpfer haben ja überhaupt in der damaligen Zeit keine Erfahrung gehabt. Sie sind damals vor eine Sache gestellt worden und sollten auf einmal Wege gehen, die sie noch nie beschritten hatten. Und vor allem: es herrschte in der Arbeiterklasse keine Einigkeit. Es gab verschiedene Gruppen, die alle unterschiedliche Auffassung hatten. Diese Uneinigkeit hat dann im Grunde genommen dazu geführt, dass die Reaktion das ausnutzen konnte und marschiert ist und dass nach 26 Tagen die Räterepublik erstickt werden konnte. Ich persönlich würde sagen, dass die Novemberrevolution den arbeitenden Menschen ganz viel gebracht hat. Leider ist nicht alles das, was sie sich vorgestellt haben, verwirklicht worden. Dann hätte es vielleicht keinen zweiten Weltkrieg und keinen Faschismus gegeben. Aber das ist alles Vergangenheit. Das kann man nicht mehr rückgängig machen.
Frage: Ist denn in Deiner Familie auch über diese Zeit geredet und diskutiert worden?
Antwort: Also ich bin ja 1928 geboren. Mein Vater starb 1937, und als die Nazis '33 an die Macht gekommen waren, da war es in den Haushalten eigentlich kaum noch möglich, über Politik zu sprechen. Wir waren ja noch Kinder. Meine Mutter war nicht in der Partei, mein Vater war in der Partei. Aber eigentlich habe ich erst nach dem Kriege erfahren, wie meine Eltern politisch eingestellt waren. Ich war im Jungmädel drin, das war nicht freiwillig. Wir mussten da ja rein. Wenn denn überhaupt etwas im Hause gesprochen wurde, sind wir Kinder immer sehr außen vor gehalten worden. Meine Mutter hat den Feindsender, den BBC, abgehört. Mein Bruder ist mal drauf zugekommen. Das war plötzlich eine ganz heikle Situation. Also meine Mutter hat uns immer davor geschützt, damit wir nicht draußen etwas sagen konnten, worunter die Familie womöglich zu leiden hätte.
Ich habe von diesen ganzen Dingen erst nach dem Kriege erfahren. Aber im Kriege eigentlich auch schon etwas. Mein Schwager ist im KZ gewesen, mein Onkel ist im KZ gewesen. Meine Tante hatte fünf Söhne und hat in einem Jahr drei Söhne verloren, zwei in Russland und einen in Frankreich. Und alle waren Kommunisten. Während des Krieges sind wir evakuiert worden. Ich bin zweimal nach Sachsen zu meinem Onkel gekommen. Das hat auf mich schon aufklärend gewirkt.
Frage: In Sachsen, war das mit der Kinderlandverschickung der Nazis?
Antwort: Nein, meine Mutter war zwar keine Kommunistin, aber sie wollte nicht, dass ich mit den Nazis in die Kinderlandverschickung ging. Sie hat mich bei ihrem Bruder in Sachsen untergebracht. Zweimal, 1941 für sieben Monate und 1943 noch mal. Zwischendurch war ich wieder in Bremen. Und jedes Mal bin ich anders eingeschult worden. Auch die dauernden Bombenalarme, wo wir nur später in die Schule gehen konnten... Das war alles schlecht für meine Schuldbildung. Ich sage zu meinen Kindern und zu der heutigen Jugend überhaupt, wie gut sie es haben, dass sie heute lernen und studieren können. Uns ist das alles damals praktisch durch den Krieg verwehrt worden.
Frage: Wie war dann Dein politischer Werdegang oder Deine politische Bewusstseinsbildung?
Antwort: Von '44 bis '46 war ich im Pflichtjahr. Wir mussten ja bei den Nazis ein Pflichtjahr machen. Ich hab das auf dem Land bei einem Bauern in Grasdorf gemacht. Einmal sind wir von Tieffliegern beim Kühehüten beschossen worden und konnten noch gerade in einen Graben springen. Und auch während des Krieges in der letzten Zeit, wenn ich denn mal in Bremen war, haben wir im Bunker gesessen. Diese ganze Geschichte hat mich eigentlich immer sehr bewegt. Meine Mutter war ein Mensch, der sehr für Gerechtigkeit gewesen ist, und die hat versucht, mir das indirekt beizubringen. Einmal z.B. war ich beim Sport beim Jungmädel, hatte einen Muskelriss und bin dann allein nach Hause gehumpelt. Ich seh' meine Mutter immer noch am Gossenstein stehen, wie sie zu mir sagte: "Na das sind ja gute Freunde, die du hast, die dich so alleine nach Haus laufen lassen." So hat meine Mutter immer versucht, ein bisschen gegen den Stachel und gegen diese BDM und gegen Jungmädel zu löcken. Aber nicht direkt mit Namen, sondern immer mit solchen Beispielen hat sie das gemacht.
Frage: Ab wann bist Du politisch aktiv geworden?
Antwort: Also 1946 bin ich mit 18 Jahren in die Kommunistische Partei eingetreten und auch in der FDJ aktiv geworden. 1950 war das große "Deutschlandtreffen der Jugend" in Ostberlin, wo ich meinen zukünftigen Mann, Ulrich Konetzka, kennenlernte. Wir heirateten 1951 und haben seitdem bis zu seinem Tode 2003 immer eng politisch zusammengearbeitet.
Frage: Wer hat eigentlich in den letzten Jahren die Gedenkfeiern auf dem Waller Friedhof organisiert? Haben die Feiern jedes Jahr stattgefunden?
Antwort: Ja, durchgehend jedes Jahr. Die ganzen letzten Jahre haben praktisch Raimund Gaebelein von der VVN und Armin Fuchs von unserer Partei die Veranstaltungen vorbereitet. Und sie haben bei der Vorbereitung meistens vor leeren Stühlen gesessen. Da hat sich sonst keiner weiter drum gekümmert. Das lief immer so. Die anderen Organisationen, die dann mit darunter standen, also Friedensforum, DGB, und und... haben zwar alle mit aufgerufen. Aber vorbereitet haben das die beiden.
Frage: Wie liefen die Vorbereitungen in diesem Jahr?
Antwort: In diesem Jahr haben wir früh mit den Vorbereitungen angefangen. Letztes Jahr - 2008 - hatte ja Kunick als SPD-Mann gesprochen. Und er hat ja nach Meinung vieler nicht gerade begeisternd gesprochen. Ich war nicht dabei, ich war damals im Krankenhaus. Es hat wohl viele empört, was er gesagt hat. Und da haben viele gesagt, dass sie das nicht noch mal so machen würden. Wir haben also beschlossen, in diesem Jahr rechtzeitig mit den Vorbereitungen anzufangen. Ich bin nun überfragt, ob alle immer gleich von Anfang an in den Vorbereitungskreis eingeladen worden sind. Das kann ich jetzt nicht sagen. Jedenfalls war das nachher so, dass zunächst Peter Kuckuk, der mehrere Bücher über die Novemberrevolution geschrieben hat, eine Vortragsreihe über dieses Thema organisieren wollte. Er hat sich dann mit dem DGB in Verbindung gesetzt, weil das ja auch Geld kostet. Und der DGB hat das dann übernommen. Danach hat sich dort beim DGB eine Gruppe aus SPD- und Gewerkschaftsvertretern gebildet und die haben erklärt, dass sie auch auf dem Waller Friedhof eine Gedenkveranstaltung machen wollen.
Diese Gruppe wusste aber, das ist ihnen ja nicht entgangen, denn sie haben ja zum Teil wenigstens die anderen Jahre mit aufgerufen, dass es da immer schon einen Vorbereitungskreis gegeben hat. Dann hat man sich getroffen. Zu dieser Zusammenkunft, wo ich dann auch das erste Mal mit dabei war, kamen sie alle: Klaus Busch, Eike Hemmer, Michael Lasowski von der LINKEN u.a. und sie sagten, so, das ist unser Vorschlag, so stellen wir uns die Veranstaltung vor; der Sprecher auf der Gedenkfeier wird Koschnick sein. Diese Besprechung hat im Hart Backbord stattgefunden.
Da ging es dann darum, dass eine Reihe von Leuten mit diesem Vorschlag nicht einverstanden war. Vor allem nicht mit Koschnick als Sprecher, weil er aufgrund seiner Vergangenheit und all der Dinge, die er als führender Sozialdemokrat gemacht und mitgemacht hat, von vielen nicht akzeptiert wurde.
Was ich vor allem empörend gefunden habe und was für mich auch mit ausschlaggebend gewesen ist: wenn man will, dass man eine gemeinsame Sache macht, dann kommt man zusammen, berät, und dann muss man auch bereit sein, wenn die anderen nicht dazu bereit sind, das jetzt so aufzugreifen, dass man einen Kompromiss findet. Dass man überlegt, ob man nicht doch einen anderen Referenten findet. Ich habe besonders dafür plädiert. Für die Menschen, die für die Räterepublik dort ihr Leben gelassen haben, wäre es ja besonders schlimm, wenn es auf dem Waller Friedhof tatsächlich zu Auseinandersetzungen käme. Das haben auch andere gesagt. Das wäre doch nicht gut, geht doch noch mal zurück. Ihr werdet doch wohl noch in Eurer großen Gewerkschaft, das ging ja von der Gewerkschaft aus, einen anderen Referenten vorschlagen können.
Es ist doch wirklich wichtig, dass wir uns da einigen, wie das auch Karl Heinz Roth, der auch an der Besprechung teilgenommen hat, gesagt hat. Ich habe gesagt: bitte macht das, geht zurück, diskutiert noch mal darüber, und lasst uns dann auf einen anderen Redner kommen. Mit Karl Heinz Roth und Rolf Becker z. B. wären alle einverstanden gewesen. Aber es ist nicht zur Einigung gekommen. Und dann haben sich die beiden auch raus gezogen, weil sie nicht damit einverstanden waren, wie wir gehandelt haben,
Frage: D.h. die Leute vom DGB-Vorbereitungskreis waren nicht mit Karl-Heinz Roth und Rolf Becker als Redner einverstanden?
Antwort: So kann man das nicht sagen. Karl Heinz Roth und Rolf Becker, obwohl das alles sehr links gerichtete Leute sind, haben keine schlechte Meinung zu Koschnick. Aber da es über Hans Koschnick zu keiner Einigung gekommen war, wollten sie auch nicht mehr mitmachen. Sie machen jetzt am 4. Februar eine eigene Veranstaltung. Dazu haben sie uns aber auch nicht angesprochen. Die LINKE haben sie angesprochen, auch die VVN, aber die DKP haben sie nicht angesprochen. Das werde ich Rolf Becker auch bei Gelegenheit mal sagen; ich habe ihn leider noch nicht erreicht.
Frage: Hat es dann noch weitere Gespräche oder weitere Versuche gegeben, sich zu einigen?
Antwort: Nein, danach hat es keine Sitzung mehr gegeben. Wir kamen noch einmal im Ohlenhof zusammen, aber da ist darüber dann nicht mehr gesprochen worden. Das war für die DGB-Gruppe abgeschlossen. Sie hatten ihre Linie - "Friß Vogel oder stirb!" . Und wenn wir ihre Linie nicht mitmachen wollten, dann waren sie nicht bereit zurückzugehen. Dann geht's nicht.
Ich meine, dass man so keine Bündnispolitik machen kann. Also, wenn man wirklich daran interessiert gewesen wäre, eine gemeinsame Geschichte zu machen, dann hätte man doch auf unseren Wunsch, den wir dort zum Ausdruck gebracht haben, eingehen können. Wenn es in diesem Fall keine Einigung gab, dann hätte man wirklich sagen können: wir pochen nicht auf Hans Koschnick. Denn es gibt ja auch noch andere DGB-Leute, die sprechen könnten. Die DGB-Gruppe hoffte im Grunde genommen auf Koschnick, dass er als ehemaligem Bürgermeister das Zugpferd für ihre eigene DGB-Veranstaltung sein würde.
Jedenfalls war die ganze Art und Weise nicht akzeptabel. So kann man nicht in Verhandlungen gehen. Man kann nicht mit einem fertigen Vorschlag kommen und sagen, den müsst ihr akzeptieren oder es geht eben nicht. Dieser ganze Streit ist zwar nicht schön, und es wäre besser gewesen, wenn es eine gemeinsame Veranstaltung gegeben hätte. Aber so kann man eben nicht mit Bündnispartnern umgehen. Nur weil man glaubt, man ist der größere Partner und man kann sich das erlauben. Ich habe in meinem Leben viel Bündnispolitik gemacht, aber Bündnispolitik heißt auch, dass man auf den Bündnispartner eingehen muss.
Frage: Die Auseinandersetzung wird mit einer ganz unglaublichen Intensität geführt, an der sich viele Leute beteiligen. Ich habe mal in unserem Terminkalender nachgezählt: es werden zum Thema Novemberrevolution und Räterepublik stattfinden: zwei Gedenkfeiern auf dem Waller Friedhof, 12 Abendveranstaltungen mit Vorträgen und Diskussion und ein Tagesseminar vom DGB. Kann es sein, dass - vielleicht ja auch ganz unbewusst - die Beschäftigung mit diesem historischen Thema ablenken soll von Problemen, die wir reichlich in der Gegenwart haben? Dass gerade viele Sozialdemokraten und Gewerkschafter das schlechte Gewissen plagt, weil sie sich nicht genügend und nicht entschieden genug mit den Problemen von heute auseinandersetzen?
Antwort: Diesen Aspekt gibt es sicher. Ich kann dazu auch noch eine Episode beisteuern. Die DGB-Gruppe hat ein Faltblatt mit Veranstaltungen zur Räterepublik mit neun Veranstaltungen herausgegeben. Die Gruppe hat, wogegen nichts einzuwenden ist, dabei auch Veranstaltungen der MASCH (Marxistische Abendschule) in das Programm aufgenommen. Und darunter auch den Vortrag des von der MASCH eingeladenen DDR-Historikers Prof. Heinz Neumann. Auf dem Faltblatt des DGB ist allerdings der Titel dieser Veranstaltung bereinigt worden. Er lautet hier: "SPD und Novemberrevolution". Heinz Neumann hatte aber seinem Vortrag ausdrücklich das berüchtigte Noske-Zitat "Einer muss der Bluthund sein!" vorangestellt - was dem ganzen natürlich einen ganz anderen Akzent gibt.
Frage: Das ist ja ein dicker Hund!
Antwort: Ja, das hat man still und leise raus genommen. Das war den DGB-SPD-Leuten offenbar zu kritisch. Also: Geschichte ist interessant, dafür darf man sich interessieren. Aber der Bezug zur Gegenwart und vor allem zur heutigen Sozialdemokratie ist tabu! Das ist schon interessant. Man muss also mal sehen, wie auf diesen Veranstaltungen diskutiert wird. Ich erwarte vor allem von den Historikern, dass sie sich auch mal die andere Seite anhören. Aber das werden wir ja in den nächsten Wochen erleben.
Frage: In dem Faltblatt des DGB heißt es wörtlich: "Am 1. Februar 2009 wird dann die traditionelle Gedenkfeier am Mahnmal auf dem Waller Friedhof, mit Hans Koschnick als Redner, durchgeführt."
Antwort: Also traditionell ist diese Veranstaltung sicher nicht! Der DGB, Einzelgewerkschaften oder auch die SPD oder einzelne Sozialdemokraten waren in den vergangenen Jahren immer mal wieder bei den Gedenkveranstaltungen auf dem Waller Friedhof dabei. Aber dass sie allein, ohne die anderen politischen Gruppen hier in Bremen, diese Veranstaltung organisiert und dafür mobilisiert hätten - daran kann ich mich wirklich nicht erinnern. Insofern ist das schlicht falsch. Und ich hoffe, dass das noch korrigiert wird.
Frage: Sehen heute viele Sozialdemokraten die Politik der Mehrheitssozialdemokratie während der Novemberrevolution nicht auch sehr kritisch? Koschnick geht ja mit den Ereignissen damals relativ offen um. Und bezeichnet die Politik damals ausdrücklich als reaktionär und beschönigt auch nichts an den Morden an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.
Antwort: Die SPD möchte von dem Geruch loskommen, dass Sozialdemokraten damals mit daran Schuld waren, dass die Novemberrevolution kaputt gegangen ist. Aber das ist nun mal so. Sie waren Schuld. Wenn die SPD damals mitgezogen hätte, hätte das Ganze eine andere Entwicklung genommen. Hier in Bremen haben die Banken doch damals keine Löhne an die Arbeiter ausgezahlt. Die Räte konnten ruhig beschließen, die anderen waren ja noch stärker. Die hatten ja noch im Hintergrund die Kaufmannschaft. Und die Reichsregierung hat Caspari losgeschickt. Und dadurch ist das dann kaputt gemacht worden.
Koschnick äußert sich vielleicht heute auch anders. Er hat damals, 1972, auch schon auf einer Gedenkfeier, nämlich anlässlich der Einweihung des neuen Denkmals gesprochen. Dann hat es über seine Rede damals eine große Auseinandersetzung darüber in der Presse gegeben, wie das zu verstehen sei. Vor allem ging es um die Frage, ob er sich denn nun identifiziere mit der Räterepublik oder nicht. Ich habe hier einen Zeitungsartikel der Bremer Nachrichten vom 24. Februar 1972 mitgebracht. Hier heißt es:
"Die persönlichen Äußerungen von Bürgermeister Koschnick, nach denen das Ehrenmal für die Opfer der Februarkämpfe 1919 in Walle Respekt vor denjenigen bezeuge, 'die sich damals für eine neue Ordnung gesellschaftlicher und sozialer Werte eingesetzt haben', beinhalte keine Identifizierung mit den Zielen der Räterepublik. Das geht aus der Antwort hervor, die Bürgermeister Koschnick gestern in der Fragestunde der Bürgerschaft im Namen des Senats auf eine entsprechende Frage der CDU-Fraktion gab." Und: "Es bestehe weder Anlaß, die Bremer Räterepublik heute zu verteufeln, noch sie zu glorifizieren."
Frage: Mich würde die Position der KPD zur Rätedemokratie damals interessieren. Die Räteidee war ja nach 1945 auch bei den Kommunisten tot. Es wurde von der Sowjetunion damals wegen der leidvollen Erfahrungen mit dem Faschismus die Konzeption der Volksfront vertreten, woraufhin dann die Volksdemokratien in Tschechien, Ungarn, Polen und der DDR errichtet wurden. Da war ja dann von Räten und auch von Sozialismus nicht mehr die Rede. Das heißt, man setzte dann auch auf einen gewissermaßen parlamentarischen Weg.
Antwort: Man konnte 1945 nicht gleich von Sozialismus reden, dafür mussten sich ja erst einmal die Voraussetzungen entwickeln. Der Gedanke kam ja erst wesentlich später. Und das war ja fast noch zu früh. Aber es war klar, dass wir alle für einen Sozialismus waren. Und die DKP ist es auch heute noch. Aber die Frage ist eben, und das ist eine wichtige Entscheidung, die man heute gar nicht treffen kann, wie dieser Sozialismus sein wird. Man kann sagen, so könnten wir uns das vorstellen. Aber ob es so sein wird, und ob die Menschen, die dann leben, das auch so umsetzen werden, ist eine ganz andere Frage. Vielleicht haben sie dann schon ganz andere Gedanken entwickelt, die wir heute noch gar nicht wissen. Es muss nur geschafft werden, dass das Eigentum an den Produktionsmitteln in die Hände der arbeitenden Menschen kommt. Das ist die Voraussetzung für alles, was dann folgt.