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1. Dezember 2008

"Man wird Hans Koschnick nicht gerecht..." Interview mit Raimund Gaebelein in der Rubrik "Vor 90 Jahren..."

Raimund Gaebelein, Landesvorsitzender der VVN-BDA

Pietá von Bernd Hoetger, 1922 auf dem Waller Friedhof errichtet, am 30. Januar 1933 von den Nazis zerstört

Mahnmal für die Verteidiger der Räterepublik von Georg Arfmann. Errichtet 1972.

Es werden - aller Voraussicht nach - im Februar 2009 zwei Gedenkveranstaltungen auf dem Waller Friedhof am Denkmal für die Verteidiger der Bremer Räterepublik stattfinden. Die Tragödie der Spaltung der Arbeiterbewegung von damals wird sich wiederholen - nun aber eher als Farce. Raimund Gaebelein berichtet hier, dass es auch schon 1922, als die Pietà von Bernhard Hoetger errichtet wurde, zu getrennten Gedenkveranstaltungen, auch mit gegenseitigen Anfeindungen, gekommen war. Raimund, langjähriger Landesvorsitzender der VVN-BDA, erläutert in diesem Interview die Hintergründe - wie er sie sieht. Es sind weitere Interviews geplant. Die Fragen stellte Sönke Hundt. Das Interview ist autorisiert.

Frage: Du bist Landesvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, abgekürzt VVN-BDA. Die VVN ist an den Vorbereitungen der Gedenkfeiern für die Verteidiger der Räterepublik seit langem maßgeblich beteiligt.

Antwort: Die VVN hat - glaube ich - diese Gedenkfeiern in den letzten 20 Jahren koordiniert und vorbereitet. Das hat lange Jahre lang Willi Hundertmark gemacht; ich habe es dann von ihm seinerzeit übernommen und mache das seit 1994. Aber es gibt weitere Pläne. Hier ist vor allem die Ausstellung zu den Verbrechen der Wehrmachtsjustiz im Rathaus zu nennen, die nach dem Kirchentag von Ende Mai bis Ende Juni stattfindet. Die Koordination macht hier die Landeszentrale für politische Bildung. Aber wir von der VVN haben es dann übernommen, die Ausstellung mit einer Gedenkfahrt nach Esterwegen zu verbinden.

Frage: Ich wollte auf das Selbstverständnis der VVN und die Verbindung mit der Bremer Räterepublik zu sprechen kommen. Die zentrale Idee, die Ziele  der VVN ist ja der Antifaschismus, und nicht Revolution, Räterepublik oder Sozialismus?

Antwort: Man muss ja sehen, dass der Widerstand gegen die Naziherrschaft quer durch die Bevölkerung ging. Es beteiligten sich Christen, dann auch Wertkonservative, Demokratisch-Liberale. Also Widerstand oder Gegnerschaft gegen den Faschismus ging weit über die Arbeiterbewegung hinaus. Die Kommunisten haben den Hauptanteil am organisierten Widerstand gehabt, mit einem erschreckenden Anteil an Toten. Aber auch Sozialdemokraten standen im Widerstand. Aufgrund der persönlichen Erfahrungen in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern der Nazis suchten sie oftmals den gemeinsamen Widerstand.

Frage: Haben die Kommunisten nicht aber immer eine starke Rolle in der VVN gespielt?

Antwort: Ja. Das hängt eng mit der Entwicklung des Kalten Krieges zusammen. Ursprünglich ist die VVN gegründet worden als interzonale Vereinigung für ganz Deutschland. Dann ist die VVN relativ schnell in den Sog des kalten Krieges geraten. Gegründet wurde sie, als relativ früh klar wurde, dass in den Westzonen und später der Bundesrepublik belastete Nazis, also Militärs, Industrielle, Politiker und hohe Beamte, sehr schnell wieder in entsprechende Posten einrückten. So wurden z.B. Hans Globke, der Kommentator der Nürnberger Gesetze, einer der engsten Berater Adenauers, und Theodor Oberländer, der Einsatzkommandeur des Batalions "Nachtigall", wurde Minister.

Die Entnazifizierungsausschüsse in den Westzonen verurteilten im wesentlichen nur die kleineren Leute. Die am stärksten stärksten "Belasteten" bekamen einen Mengenrabatt in Bezug auf die Verbrechen, für die sie verantwortlich waren.

Frage: Hat es denn die VVN auch in der DDR oder vorher in der sowjetisch besetzten Zone gegeben?

Antwort: Es gab sie zunächst in allen vier Besatzungszonen. In der DDR bis 1953. Dann wurde sie dort aufgelöst, weil sie, so die Begründung, in das Selbstverständnis des neuen Staates mit der führenden Rolle der Arbeiterklasse nicht reinpasste. Zur gleichen Zeit, also ab 1951, versuchte die Adenauer-Regierung, die VVN in den Westzonen im Zusammenhang mit dem KPD-Verbot gleich mit verbieten zu lassen. Das Verfahren gegen die VVN lief von 1951 bis 1961. Es sind damals gegen alle möglichen Arten von Organisationen, die der Unterstützung der KPD beschuldigt wurden, weil sie in irgendeiner Form für gesamtdeutsche Interessen und gegen die Wiederaufrüstung eingetreten sind, Verbotsverfahren gelaufen. Z.B wurden damals die FDJ und sogar eine Gruppierung wie der gesamtdeutsche Kleingärtnerverband verboten.

In dieser Situation im Kalten Krieg schufen sich zunächst die CDU-Leute einen eigenen Verband, den Bund der Verfolgten des Naziregimes. 1948 fasste dann die SPD einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der VVN, und gründete ebenfalls einen eigenen Verband, den Arbeitskreis verfolgter Sozialdemokraten. Insofern blieben dann halt in der VVN zu einem großen Teil Kommunisten.

Der kommunistische Teil des Widerstands war auch tatsächlich der aktivste Teil gewesen, mit einem "Blutzoll" von 40.000 Menschen. In der VVN blieben nach diesen Ausgrenzungen und Abspaltungen aber trotzdem viele Sozialdemokraten, die sagten: "Wir haben selber im Konzentrationslager oder im Zuchthaus erlebt, was Solidarität bedeutet; wir lassen uns nicht durch irgendwelche politischen Geschichten diese Solidarität zerschlagen."

Frage: Ich muss da jetzt mal bremsen; so interessant es auch ist, wir sollten jetzt nicht zu weit in die Geschichte der VVN einsteigen, sondern mehr in Bremen bleiben. Auf der 60-Jahr-Feier der VVN am 25. August im letzten Jahr nahmen ja mit Hans Koschnick und Jens Böhrnsen zwei Bremer Bürgermeister und andere führende Sozialdemokraten teil. Die VVN ist also doch hier in Bremen heute auch in der Sozialdemokratie sehr akzeptiert.

Antwort: Die Familien von Koschnick und Böhrnsen lebten ja hier in Gröpelingen. Sie kamen zum Teil aus einem kommunistischen Elternhaus und haben sich dann halt irgendwann nach 1945 der Sozialdemokratie zugewandt. Der Vater von Hans Koschnick war z. B. sehr eng vertraut mit dem Vater von Hermann Gautier. Und Jens Böhrnsen wiederum ist der Schwager von Willi Hundertmark. Beides bekannte Kommunisten in Bremen. Koschnick und Böhrnsen stehen also in einer gewissen Tradition, und das merkt man auch deutlich in ihren öffentlichen Auftritten. Insofern ist das hier in Bremen schon eine besondere Situation.

Frage: Es wird ja in Deutschland in vielen Städten der deutschen Novemberrevolution von 1918/19 und ihrem Scheitern gedacht. Also auch in Bremen. Welchen Zusammenhang siehst Du zwischen der gescheiterten Novemberrevolution und dem Faschismus?

Antwort: Der Faschismus hat sich selber in einer aggressiven Weise verstanden als das, was der Novemberrevolution entgegengesetzt sein wollte. Als etwas, das diese ganze Grundlage zerstören wollte. Das ist der Anknüpfungspunkt, warum die VVN immer diese Koordinationsaufgabe bei der Organisation der Gedenkfeiern übernommen hat. Weil die Mörder von Liebknecht und Luxemburg, die Mörder von Rathenau und Erzberger, eben damals schon mit einem Hakenkreuz an ihrem Stahlhelm rumliefen. Sie haben mit ihren völkischen Idealen und mit ihrem Militarismus alles verachtet, was demokratisch und links war. Und gerade die Freikorps waren ein Sammelbecken der späteren Nazis.

Frage: Was verbindest Du persönlich mit der Novemberrevolution und mit der Bremer Räterepublik?

Antwort: Aus meiner eigenen Vergangenheit her, dass hier in Bremen unter der Räterepublik z.B. versucht wurde, so etwas wie eine Schülerselbstverwaltung aufzubauen. Hermann Böse als damaliger Volkskomissar der Räterepublik hat sich um das Bildungswesen sehr intensiv gekümmert, und vertrat die Meinung, dass alle Beteiligten am Bildungsprozess gleichberechtigte Mitsprache haben sollten. Also dass auch Schüler ein Mitbestimmungsrecht in ihren Bildungsfragen haben sollten. Hermann Böse war Musikpädagoge und hatte in Bremen einen großen Arbeitergesangverein aufgebaut, schon 1904. Er ist dann im Rahmen der Auseinandersetzungen um den Kriegseintritt, dem Auseinanderfallen der Sozialdemokratie, der Gründung der Bremer Linksradikalen und der KPD-Gründung zur KPD gegangen. Später wurde er von den Nazis inhaftiert, weil er in Verbindung mit der Gruppe Schulze-Boysen-Harnack, auch als "Rote Kapelle" bezeichnet, gebracht wurde. Hermann Böse saß im Gefängnis und wurde schließlich schwerkrank freigelassen, damit er zuhause sterben konnte.

Frage: Kommen wir jetzt auf die Ereignisse in Bremen zu sprechen. Die Räterepublik ist vernichtet worden durch die Division Gerstenberg.

Antwort: Und durch das Freikorps Caspari. Caspari wurde hinterher hoch dekoriert; er wurde Polizeipräsident in Bremen und hat schließlich den Nazis den Weg auf die öffentlichen Plätze hier in Bremen freigemacht hat.

Frage: Was waren eigentlich die Freikorps, die bei der Niederschlagung der Novemberrevolution, nicht nur in Bremen, eine so verhängnisvolle Rolle gespielt haben?

Antwort:  Das waren abgemusterte, irreguläre Soldaten, hauptsächlich Offiziere und Unteroffiziere, die in der Reichswehr nach dem Waffenstillstand mit den Alliierten keine Aufgabe und keine Stellung mehr hatten. Der Friedensvertrag begrenzte die Möglichkeit für ein eigenes Militär auf die berühmten 100.000 Mann. Daneben existierten dann weitere 100.000 Mann als sogenannte "schwarze Reichswehr", für die Waffen z.B. in Mecklemburg auf Ländereien von Großgrundbesitzern und an anderen Orten gehortet wurden. Bezahlt wurden die Freikorps aus schwarzen Kassen der Reichswehr. Das ganze Freikorps-Unwesen war eindeutig illegal, wurde aber mehr oder weniger offen von der Reichsregierung toleriert. Auch und gerade unter Gustav Noske, dem sozialdemokratischen Reichswehrminister.

Frage: Die Division Gerstenberg war also reguläre Reichswehr, und das Freikorps Caspari eine irreguläre Truppe in dem eben beschriebenen Sinne. Am 4. Februar 1919, also vor 90 Jahren, marschierten die "Gerstenberger" und die Caspari-Leute, verstärkt von einer Gruppe Bremer Bürger, die sich am Kampf beteiligen wollten, von Verden in Bremen ein. Die Räterepublik konnte sich einen Tag lang verteidigen, hatte aber von Anfang keine wirklich Chance, den Kampf zu gewinnen.

Antwort: Der Räteregierung war schon früh klar, dass die Räterepublik isoliert in Bremen und gegen die Reichsregierung in Berlin keine Chance hatte. Der Knackpunkt war eigentlich, dass im Grunde genommen der Waffenstillstand schon ausgehandelt und abgesegnet war - und trotzdem geschossen werden sollte. Die Emissäre der Räteregierung hatten schon gemeinsam mit den Soldatenräten von Oldenburg und Hamburg in Verden mit den Gerstenbergern verhandelt und hatten schon unterzeichnet, dass sie selber bereit wären, die Waffen niederzulegen. Dieses von mindestens sechs Seiten unterzeichnete Protokoll wurde dann als Telegramm nach Berlin geschickt. Noske hat das in der Tasche zusammengeknüllt und gesagt: "Da wird nichts draus." Und dann erst marschierte auf Noskes Befehl die Division Gerstenberg. Noske hat das also auf die eigene Kappe genommen.

Frage: Existiert dieses Protokoll eigentlich?

Antwort: Meines Erachtens ja, sonst wüsste man ja nicht davon. Es muss irgendwo in einem Archiv sein. Interessant wird sein, was Karl-Heinz Roth über die Pläne von Noske und über die verhängnisvolle Rolle, die er damals gespielt hat, referieren wird. Karl-Heinz Roth und Jörg Wollenberg werden am 4. Februar in der Villa Ichon sein und neuere Forschungsergebnisse über die Zielplanung des Rats der Volksbeauftragten präsentieren, speziell auch über Noskes Pläne.

(Die Veranstaltung: Zur Geschichte und historischen Bedeutung der Bremer Räterepublik. Referenten: Rolf Becker, Jörg Wollenberg und Karl-Heinz Roth. Veranstalter: Mittwochsgesellschaft, Georg Elser-Initiative, DIE LINKE Bremen, Bremische Stiftung Rüstungskonversion, VVN-BDA Bremen. 04.02.08, 19.30 Uhr in der Villa Ichon.)

Frage: Es wird auf dem Waller Friedhof nun aller Voraussicht nach zwei Gedenkfeiern für die Verteidiger der Bremer Räterepublik geben. Warum? Warum hat man sich sozusagen über den Gräbern tatsächlich nicht einigen können?

Antwort: Es ist wirklich sehr bedauerlich, dass keiner so richtig im Auge behalten wollte, dass eine wirksame Veranstaltung, eine würdige Veranstaltung nur gemeinsam hätte organisiert werden dürfen. Es gab in diesem Jahr zum ersten Mal zwei Vorbereitungsgruppen, zwischen denen es schließlich zu keiner Einigung mehr gekommen ist. Ausgangspunkt der Streitigkeiten waren wohl Vermutungen, dass ausgerechnet auf dem Friedhof der eine oder andere schon den Auftakt für den kommenden Wahlkampf gesehen hat oder das so sehen wollte. Die VVN und andere Gruppen (die BAL, Nordbremer Bürger, die DKP) hatten wie schon in den vorangegangenen Jahren mit den konkreten Vorbereitungen begonnen und hatten erst mit einem Vierteljahr Zeitverzug erfahren, dass sich beim DGB (mit Peter Sörgel, Helga Ziegert, Dieter Reinken, Peter Schnaars...) ebenfalls eine Gruppe schon mit konkreten Vorbereitungen befaßt hatte. Zwischen beiden Gruppen hat es sicher zu spät Kontakte und Gespräche gegeben. Angedacht waren zunächst Peter Kuckuk und Karl-Heinz Roth als Redner. Dann kam aber sehr plötzlich und sehr ultimativ von Seiten der Vorbereitungsgruppe beim DGB die Mitteilung, dass sie sich auf Hans Koschnick als Redner für die Gedenkveranstaltung festgelegt hätten.

Frage: Du sagst ultimativ. Der DGB-Kreis hat also seine eigenen Vorbereitungen erst in einem sehr späten Stadium Eurer Vorbereitungsgruppe mitgeteilt. Dabei habt Ihr doch aber, und Du, Raimund Gaebelein, insbesondere, diese Feier seit 20 Jahren und mehr vorbereitet. Das ist doch ein ganz schöner Affront gegen Euch gewesen?

Antwort: Na gut, die Überlegungen sind dann simpel und einfach gewesen: wie kriegt man trotzdem die Kurve, um nicht den Streit über den Gräbern zu haben. So wie es schon einmal bei der Errichtung des ersten Denkmals von Bernhard Hoetger gewesen ist. Auch damals - 1922 - hat es getrennte Veranstaltungen gegeben. Hoetger hatte damals den Angehörigen der Gefallenen eine Pietá zu Verfügung gestellt. 1922 ist das Denkmal von Hoetger mit einem Konzertprogramm eingeweiht worden. Aber - es gab dann in dem Zusammenhang eine Flut von gegenseitigen Vorwürfen, wer an was und wie Schuld war an den Geschehnissen, die ja noch allen frisch im Gedächtnis waren. 1933 ist dieses Denkmal dann von den Nazis zerstört worden.

Frage: Fanden damals dann auch schon in den folgenden Jahren nach 1922 getrennte Gedenkfeiern statt?

Antwort: Ja, bedauerlicherweise. Deshalb ist es auch in der Nachkriegszeit immer das Anliegen der VVN gewesen, diese für die deutsche Geschichte so verhängnisvollen Spaltungen zu überwinden. Und das ist uns ja auch jedenfalls in der Zeit seit Ende der 80er Jahren auch geglückt. Getrennte Gedenkveranstaltungen hat es seitdem nicht mehr gegeben.

Frage: Zurück zu den Vorbereitungsplanungen jetzt, für das Jahr 2009. Wie interpretierst Du die Tatsache, dass es im kommenden Februar tatsächlich zwei Gedenkveranstaltungen geben wird?

Antwort: Es gab in unserer Vorbereitungsgruppe einige, die Hans Koschnick als Redner nicht akzeptieren wollten oder konnten. Das ging bis hin zu Vorwürfen, die meiner Meinung nach seiner Person absolut nicht gerecht werden. Da war auch das Problem, dass keine handfeste Alternative angeboten werden konnte. Dazu kam dann, dass die Leute, die sich eigentlich eher eine wissenschaftliche Vortragsreihe gewünscht hätten, dann auch ihre Teilnahme schließlich abgelehnt haben. Unter der Bedingung, dass in irgendeiner Form ausgegrenzt wird, waren sie nicht mehr bereit, sich zu beteiligen. Ihr Argument war auch: schluckt diese Kröte. Der Vorbereitungskreis könne nicht jeder Organisation, hier also dem DGB, vorschreiben, welche Redner oder welche Redner nicht sprechen sollten oder dürften. Es sind in der Zeit viele Briefe und e-mails hin- und hergegangen. Aber das Ende vom Lied ist, dass die Fronten verhärtet sind, und dass es im Februar zwei Veranstaltungen geben wird. Die vom DGB-Kreis am 1. Februar und "unsere" am 8. Februar.

Frage: Wieso ist das alles so schief gelaufen?

Antwort: "Unsere" Gruppe hat sich m.E. absolut untaktisch verhalten, was andererseits dem DGB-Kreis durchaus zu Pass kam. Wenn man so will, haben einige aus "unserer" Gruppe von Anfang an vermutet, dass Koschnick unbedingt als Redner durchgesetzt werden sollte. Und man hat dann auch alles getan, um diese Absicht bestätigt zu bekommen. Das ist dann auch die Idiotie bei dem Ganzen, die ich dabei sehe. Man hätte meiner Meinung nach, indem man mehr aufeinander zugeht, mit entsprechenden Nachfragen, mit entsprechenden Gesprächen auch außerhalb der Beratungen, besser ausloten können, wo jeweils die Schmerzgrenzen sind. Genau diese Dinge sind aber unterlassen worden. Man hätte eine Lösung finden können. Davon bin ich überzeugt.

Frage: Stellt der Vorschlag mit Hans Koschnick nicht eine bewusste Provokation der Vorbereitungsgruppe dar? Schließlich steht Hans Koschnick für die Vereidigung der Rekruten der Bundeswehr seinerzeit im Weserstadion, für die Bejahung des Jugoslawienkrieges und der anderen Kriege der Bundesregierung, für Berufsverbote in Bremen? Also: ist die Vorstellung so abwegig, dass Hans Koschnick damals eher auf der Seite der Mehrheitssozialdemokratie als auf Seiten der Verteidiger der Räterepublik zu finden gewesen wäre?

Antwort: Gut. Aber das ist natürlich eine ziemliche Spekulation. Das Problem ist, dass man einer Person wie Hans Koschnick nicht dadurch gerecht wird, dass man ihm Dinge vorhält, für die er mal verantwortlich war und die er auf sich geladen hat, ohne zu sehen, ob er sich nicht ein Stück weit davon eigentlich entfernt hat. Ich denke, wenn man ihn z.B. im Zusammenhang mit der Robert-Stamm-Veranstaltung hier in Gröpelingen erlebt hat, hat er heute doch einen ganz anderen Stil versucht, nämlich wieder einen Zugang zu öffnen für Leute, die er vorher ein Stück weit auf Armeslänge von sich gehalten hat. Also ich denke, man sollte ihm auch die Möglichkeit einräumen, bestimmte Dinge noch einmal irgendwo selbstkritischer zu betrachten. Man sollte ihn also, das ist meine Meinung dazu, nicht von vornherein ausschließen. Genau das, also ein solcher Prozess, ist in den Gesprächen überhaupt nicht zugelassen worden. Ich habe Hans Koschnick im Zusammenhang mit Gedenkveranstaltungen erlebt, auch andere Leute wie z. B. Rolf Becker, und persönlich einen ganz anderen Eindruck von ihm bekommen. Auch was seine etwas zweifelnde Haltung gegenüber dem Prozess angeht, der schließlich zum Angriff auf Jugoslawien geführt hat. Das Problem ist, dass an diesem Punkt absolut eine Wand bei der Vorbereitungsgruppe vorhanden war, wo einfach Nachfragen dieser Art überhaupt nicht mehr akzeptiert wurden.

Frage: Es ist ja deutlich die Vermutung geäußert worden, dass diese Auseinandersetzung um die Gedenkveranstaltungen schon Teil der kommenden Wahlkämpfe im Jahr 2009 sind; dass also die getrennten Planungen der DGB-Vorbereitungsgruppe erklärbar sind dadurch, dass die SPD hier in Bremen nicht den Linken die Hegemonie über die Bremer Geschichte der Räterepublik überlassen will. Was hälst Du von einer solchen Interpretation? Diese ja eher strategischen Überlegungen in Bezug auf Wahlkämpfe - findest Du das plausibel oder eher für spekulativ?

Antwort: Ich halte das für pure Spekulation. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in einer Situation, in der man lautstark auf das, was sich in Hessen abspielt, schimpft, wo der Haupteinpeitscher, Franz Müntefering, in der SPD wieder zurückgeholt worden ist, dann in irgendeiner Form ein Staat zu machen ist mit einem Wahlkampfstart ausgerechnet auf einem Friedhof, wo Sozialisten erschossen worden sind. Ich halte das für eine gewagte These, die eher aus der eigenen Unsicherheit herrührt, als dass sie mit realen Vorgängen begründet werden könnte.

Frage: Meinst Du, dass noch Chancen bestehen, dass sich die beiden Vorbereitungsgruppen doch noch irgendwo einigen, also es doch noch zu einer gemeinsamen Gedenkfeier kommt?

Antwort: Nicht im Februar 2009.