
Klaus Gietinger, historischer Publizist, Regisseur, Drehbuchautor.

Der Trauermarsch für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

Das neue Buch: Der Konterrevolutionär Waldemar Pabst - eine deutsche Karriere
In einer gut besuchten Veranstaltung der Mittwochsgesellschaft in der Villa Ichon am 14. Januar hat Klaus Gietinger sein neues Buch "Der Konterrevolutionär / Waldemar Pabst - eine deutsche Karriere" vorgestellt. Die Geschichtsschreibung über die Novemberrevolution hätte sich bisher eher mit den Abläufen selbst, mit ihren Ergebnissen und mit ihrem Scheitern beschäftigt. "Wir haben", so Karl Heinz Roth in seiner Einführung, "heute eine ganz andere Blickrichtung gewählt, nämlich wir focussieren uns heute abend auf die dunkle Seite der Novemberrevolution und der Zerschlagung der Räterepublik, auf die Geschichte der Konterrevolution und ihre Weiterentwicklung zum Faschismus."
Die Schlüsselfiguren in diesem Drama der Konterrevolution sind Waldemar Pabst und Gustav Noske. Pabst bezeichnete sich selbst stolz als "Faschisten“, war aber stets bestrebt, im Hintergrund zu bleiben - und wurde nie dafür angeklagt, dass er "mit Billigung höchsten Ortes“ - so Pabst selbst - Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermorden ließ. Vor und nach dieser Tat wirkte er als Schlüsselfigur des Schwarzen Blocks der Militärs und Rüstungsindustriellen, die den Übergang der Konterrevolution zum Faschismus an exponierter Stelle mit vorantrieben und sich für eine "Weiße Internationale“ der faschistischen Kampfbünde in Deutschland, Italien, Österreich und Ungarn einsetzten. Es gelänge Klaus Gietinger, so Karl Heinz Roth am Anfang der Veranstaltung, nicht nur die Lebensgeschichte Pabsts umfassend auszuloten, sondern auch die wichtigsten Netzwerke der Konterrevolution und des europäischen Faschismus zu rekonstruieren. Seiner unbefangenen Neugier und seinem unbändigen Erkenntnisinteresse hätten wir ein Forschungsergebnis zu verdanken, das überholte Denkmodelle hinter sich lasse, mit Tabus breche und neue Maßstäbe setze.
Waldemar Pabst war der Kommandeur (Generalstabsoffizier) der Garde-Kavelerie-Schützen-Division, die die entscheidende Rolle bei der Niederschlagung der Januaraufstände in Berlin, bei der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht spielte und sich am Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 beteiligt. Pabst schaffte es, sich Friedrich Ebert und Gustav Noske als Garant für "Ruhe und Ordnung" anzubieten.
Und hier beginnt die Konterrevolution als Bündnis der führenden Vertreter der Mehrheitssozialdemokratie mit einer ebenso brutalen wie gegen alles Linke hasserfüllten Truppe, der Garde-Kavellerie-Schützen-Division. Diese ehemals kaiserliche Elitetruppe wurde nach der Einstellung der Kampfhandlungen zunächst in Eilmärschen aus Frankreich nach Berlin geholt und dann gründlich zu einem Freikorps umgewandelt. Pabst entließ die älteren Soldaten und engagierte viele neue Freiwillige, die seinen Hass auf alles Revolutionäre teilten. Geld war mehr als genug vorhanden. Die deutsche Schwerindustrie mit Hugo Stinnes an der Spitze war sofort bereit, diese Divsion großzügig zu unterstützen. Die geforderte Summe, die Pabst in seiner Kalkulation forderte, wurde glatt verdoppelt. Die Garde-Kavellerie-Schützen-Division wurde unter Pabsts Kommando eine hoch professionelle, gut ausgerüstete, disziplinierte und trainierte Killertruppe von 15.000 Mann. Sie kam schnell zum Einsatz: zunächst gegen die Volksmarinedivision, einer Truppe auf Seiten der Revolution, dann bei der Niederschlagung des Januaraufstandes und schließlich bei den Morden an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919.
Über den genauen Hergang ist inzwischen viel bekannt geworden. Gietinger hat dazu nun in seinem neuen 500-Seiten-Buch weitere Details zusammengetragen. Der mit allen legalen und illegalen Befugnissen ausgestattete Noske habe natürlich gezögert, selber den Mordbefehl zu geben. Aber als Pabst Luxemburg und Liebknecht in seiner Gewalt hatte, rief Pabst Noske an. Pabst schreibt dazu in seinen unveröffentlichten Memoiren: "Dass sie (die Morde) durchgeführt werden mussten, darüber bestand bei Herrn Noske und mir nicht der geringste Zweifel, als wir über die Notwendigkeit der Beendigung des Bürgerkrieges sprachen. Aus Noskes Andeutungen musste und sollte ich entnehmen, auch er sei der Ansicht, Deutschland müsse so schnell wie möglich zur Ruhe kommen. Über das "Dass" bestand also Einigkeit. Als ich nun sagte, Herr Noske, geben Sie mir den Befehl über das "Wie", meinte Noske, das ist nicht meine Sache. Dann würde die Partei zerbrechen, denn für solche Maßnahmen ist sie nicht und unter keinen Umständen zu haben. Das soll der General - gemeint ist von Lüttwitz, Pabsts direkter Vorgesetzter - tun. Es sind seine Gefangenen."
Der als Oberbefehlshaber des Heeres mit allen Vollmachten ausgestattete Noske habe Pabst also aufgefordert, die Genehmigung für den Mord einzuholen. Nach der Einwendung von Pabst, diese Genehmigung würde er auch vom General nicht bekommen, habe Noske geantwortet, dann müsse er eben selber verantworten, was zu tun sei. Pabst habe dies zu Recht als Freibrief für die Morde verstehen müssen. Obwohl es, wie gesagt, einen direkten Befehl dafür von Noske nicht gegeben habe. Hätte Noske selber den Mordbefehl gegeben, hätte das nach seinen eigenen Aussagen die Partei gesprengt. Also, so Pabst in seinen unveröffentlichten Memoiren, musste der "kleine Hauptmann" die Befehle geben. Befehle, von den Noske wusste, und sie duldete.
Hat dieses Telefongespräch tatsächlich so, wie von Pabst geschildert, stattgefunden? Die nachfolgenden Ereignisse sprechen jedenfalls dafür. Nach den bestialischen Morden wurde von der sozialdemokratischen Regierung eine Untersuchung beschlossen. Aber: beauftragt wurde mit der Untersuchung ausgerechnet das Kriegsgericht der Garde-Kavellerie-Schützen-Division selber. Die Kameraden der Mörder sollten also über die Mörder zu Gericht sitzen. Der Fall wurde vertuscht; die Mörder, als einfache Soldaten verkleidete Offiziere, wurden freigesprochen; nur Runge und Vogel als Nebenbeteiligte zu je zwei Wochen verurteilt.
Die Beweise, die Klaus Gietinger für die Verstrickung der beiden sozialdemokratischen Regierungsmitglieder in die Verbrechen zusammengetragen hat, sind erdrückend. Karl Heinz Roth als Moderator der Veranstaltung nannte das "die dunkle Seite der Konterrevolution". Die Ergebnisse der Untersuchung von Gietinger müssten eine neue geschichtspolitische Diskussion in Gang setzen, das schwere Tabu, das nach wie vor eine wahrheitsgetreue Aufarbeitung der Rolle der führenden Sozialdemokraten verhindere, müsse aufgebrochen werden.
Friedrich Ebert gilt nach wie vor als die Lichtgestalt der deutschen Sozialdemokratie. Unzählige Plätze und Straßen und sogar die große SPD-Stiftung tragen seinen Namen. Gustav Noske trägt diesen Heiligenschein zwar nicht in dem Maße, aber der Respekt ihm gegenüber als dem Retter der deutschen Demokratie vor den Bolschewisten ist bei vielen immer noch ungebrochen. Bekannt ist z.B. die große Hochachtung, die Helmut Schmidt Noske nach wie vor entgegenbringt. Das Tabu gegenüber der "dunklen Seite der Konterrevolution" gilt nach wie vor auch bei SPD-nahen Historikern. Gietinger konnte dazu noch eine nette Anektdote beitragen: anläßlich einer Konferenz über Noske wurde er von Eckart Spoo, der die Konferenz ausgerichtet hatte, angerufen. "Wenn der Gietinger kommt und sagt, dass der Pabst den Noske angerufen habe, dann komme er nicht." Wer dann nicht kommen wollte, war Wolfram Wette, der die einschlägige Noske-Biographie geschrieben hat und von diesem Detail also nichts hören wollte.
Die anschließende Diskussion in der Villa Ichon war sehr lebhaft. Besonders interessierte natürlich der Bezug zur Niederschlagung der Revolution Bremen. Jörg Wollenberg z.B. wies darauf hin, dass es in Bremen ganz ähnliche Probleme gäbe. Probleme, die man wegen der herrschenden Tabus fast nicht thematisieren könne. Tatsächlich ergäbe sich aus den Quellen, die vor allem Peter Kuckuk zusammengetragen hat, eindeutig, dass die letzte Entscheidung über die militärische Niederwerfung der Räterepublik erst fiel, als sich die Mehrheitssozialdemokratie mit der Bremer Kaufmannschaft verbündet hatte. Dann erst hätten Noske und Ebert entschieden, die Verhandlungen abzubrechen und der Division Gerstenberg und dem Freikorps Caspari den Angriffsbefehl zu geben.
Karl Heinz Roth meinte in seinem Schlusswort, dass es spannend werden wird, wie in den kommenden Veranstaltungen im Januar und Februar hier in Bremen mit der Regionalgeschichte umgegangen werde. Klaus Gietinger hat mit seinem neuen Buch auf jeden Fall die Sensibilität für diese "dunkle Seite der Konterrevolution" verstärkt. Vielleicht ist ja die Tatsache, dass über diese Zeit in diesem Jahr außergewöhnlich viele Veranstaltungen in Bremen stattfinden, ein Indiz für die Notwendigkeit einer Diskussion über die Verstrickungen der Mehrheitssozialdemokratie damals und die Stellung der SPD dazu heute.
Sönke Hundt