Abschmelzende Polkappen und Gletscher, Dürren und Überschwemmungen, Hurrikans und Tornados? Daß der immer stärkere Ausstoß von Kohlendioxid und anderen klimaschädlichen Gasen die Temperatur auf der Erde steigen läßt und Klimakatastrophen verursacht, war beim vierten »Extremwetterkongreß« vom 19. bis 21. Februar in Bremerhaven nicht mehr nicht strittig.
Zwar gab es schon immer kurzfristige Extremwetterereignisse, und nicht alle können eindeutig auf den Klimawandel zurückgeführt werden. In Bremerhaven präsentierte Modelle zeigten aber, daß der Zusammenhang von erwärmter Luft und heftigem Niederschlag wirklich existiert. Britische und US-Forscher fanden heraus: »Eine wärmere Atmosphäre enthält tatsächlich mehr Feuchtigkeit, die heftige Güsse noch stärker macht«. So häufen sich Starkregen in der Treibhauswelt, weil mehr Wasser aus Ozeanen und Binnengewässern verdunstet und die wärmere Luft mehr Feuchtigkeit halten kann. Kühlt sich die warme Luft ab, etwa weil sie auf eine Kaltfront trifft, regnen wahre Sturzfluten vom Himmel. Dann treten Flüsse über die Ufer, Keller werden überschwemmt, und die Wassermassen spülen fruchtbare Böden von den Äckern oder lösen Erdrutsche aus. Die Folgen solcher Ereignisse für die Menschen sind enorm.
Nahezu einmütig konstatierten die in Bremerhaven versammelten Fachleute, daß die Wirtschafts- und Finanzkrise bislang weder zu einem ernsthaften Umdenken in der Umwelt- und Energiepolitik noch zu einer nennenswerten Reduzierung des CO2-Ausstoßes geführt hat. »Wenn die Wirtschaftskrise vorbei ist, ist der Klimawandel immer noch da«, konstatierte Frank Böttcher, Kongreßorganisator und Leiter des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation (IWK) in Hamburg. Nach seinen Berechnungen könnten die CO2-Emissionen im laufenden Jahr in Folge der Wirtschaftskrise zwar leicht um fünf bis acht Prozent zurückgehen und sich der CO2-Anstieg damit etwas verlangsamen. Insgesamt sei aber davon auszugehen, daß die Jahreshöchstwerte über denen des Vorjahres liegen werden, so Böttcher.
Mit dem weiter steigenden Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids »tut die Weltgemeinschaft das Gegenteil von dem, was sie tun müßte«, stellte der Direktor des Kieler Leibniz-Institutes für Meereswissenschaften, Mojib Latif, nüchtern fest. Wie bei der Finanzkrise müßte auch gegen die Klimakrise gemeinsam vorgegangen werden. Als Indiz für die dramatische Lage wertet Latif das schnelle Abschmelzen des Meereises in der Arktis: »Die letzten beiden Sommer brachten das Eis derart zum Schmelzen, daß Flächen ohne Eis waren, die so groß sind wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien zusammen«.
Als Maßnahme gegen die Erderwärmung haben sich die Wissenschaftler in Bremerhaven vor allem für erneuerbare Energien stark gemacht. Für diese müsse Deutschland jährlich 20 Milliarden Euro ausgeben, um die Erderwärmung auf zwei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu begrenzen, rechnete Latif vor. Und beruhigte die Wirtschaftler: Werde das Geld richtig investiert, handele es sich nicht um negativ zu Buch schlagende Kosten, sondern um die Sicherung des Wohlstandes.
Auch Böttcher forderte einen raschen Umbau hin zu regenerativen Energien. Im sonnenreichen Nordafrika reiche ein mit solarthermischen Kraftwerken bestücktes Areal von der Größe des Saarlandes aus, um den gesamten Strombedarf in Deutschland zu decken. Über Gleichstromleitungen lasse sich der Strom ohne große Verluste nach Europa bringen. Nicht technische Probleme, sondern die Interessen der Energiekonzerne stünden dem entgegen. Böttcher zählt dabei auf die EU. Sie müsse Regeln schaffen, »mit denen Konzerne zur Durchleitung des Stroms aus Nordafrika verpflichtet werden«.
Widerspruch meldete der Hamburger Klimaforscher und Meteorologe Hans von Storch in der Debatte an. Allein die Konzentration auf eine Verringerung des Klimakiller-Gases CO2 reiche nicht aus, um das Problem in den Griff zu bekommen: »Weniger Kohlendioxid wird nicht zu einem Ende der globalen Erwärmung führen«, ist Storch überzeugt. »Wir sollten deshalb die Emissionen verringern und uns gleichzeitig anpassen«. Für viele Ökologen ein Tabubruch: die Klimakrise auch zu managen. Länder und Kommunen müßten sich beispielsweise rechtzeitig auf den Bau höherer Dämme gegen Überschwemmungen einstellen, dafür sei noch genügend Zeit, insistierte Storch.
Wie es sich für eine veritable Tagung gehört, vergab der Extremwetterkongreß auch Auszeichnungen. Der Preis für den besten Wettermoderator ging an ZDF-Redakteur Gunther Tiersch. Er verbinde Qualität der Vorhersagen mit einer verständlichen Vermittlung für die Öffentlichkeit, hieß es zur Begründung. Er sei ein Vorbild für den Nachwuchs: »Schönen Abend und machen Sie’s gut.«
Reimar Paul
Quelle (mit freundlicher Genehmigung): junge Welt v. 26.02.09