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18. Dezember 2009

Medienkrise: Springermann im Weserkurier gescheitert

Der von Springer in die Vorstandsetage des Bremer Weser Kuriers gewechselte Florian Kranefuß muss die Schlüssel abgeben. "Einladung" zum Ausscheiden für Ältere. 

Nur Liebhaber des Kleingedruckten unter den Lesern des Bremer Weser Kuriers haben es bemerkt: In der Nacht von Montag auf Dienstag ist im Impressum der komplette Vorstand verschwunden. Eine förmliche Erklärung für die Leser gab es nicht. Am Mittwoch fand dann Vorstandsmitglied Ulrich Hackmack auf einer internen Belegschaftsversammlung dürre Worte: Sein Kollege Florian Kranefuß, vor zwei Jahren vom Springer-Konzern gekommen, habe "das Haus verlassen". Mehr dürfe er nicht sagen.

Dass das Verhältnis zwischen ihm und dem Kollegen Kranefuß nicht das allerbeste war, das wussten Beobachter schon seit Monaten. Verständlicherweise kocht die Gerüchteküche nun hoch in dem Bremer Pressehaus: Was ist vorgefallen? Worum ging es? Was ist die Folge für den von Kranefuß aus der Berliner Morgenpost nachgeholten neuen Chefredakteur Lars Haider? Was wird aus der von Haider betriebenen Blattreform? Auch Haider hatte die Nachricht vom plötzlichen Ausscheiden seines Chefs überrascht.

Schon am vergangenen Donnerstag war einzelnen Mitarbeitern aufgefallen, dass beim traditionellen Weihnachtsessen ein Kellner fehlte: Die Vorstände, das ist alte Sitte beim Weser Kurier, "bedienen" zu Weihnachten ihre Mitarbeiter. Kranefuß war nicht dabei. Am Mittwoch, so jedenfalls die Gerüchteküche, soll es auf einer Vorstandssitzung gekracht haben; am Donnerstag kam der Aufsichtsrat zusammen. Nach dieser Sitzung musste Kranefuß seine Schlüssel für Haus und Dienstwagen abgeben. Drei von sechs Aufsichtsratsmitgliedern warfen entnervt das Handtuch - unter ihnen der Aufsichtsratsvorsitzende Uwe Woywod, ein früherer Vorstandskollege von Hackmack, und der frühere Bremer Sparkassen-Chef Jürgen Oltmann.

Die Leser des Weser Kuriers wissen von alledem nur aus dem - auf dem Anzeigenmarkt konkurrierenden - Weser Report. Dort waren auch handfeste Spekulationen über die wirtschaftlichen Hintergründe des Streits zu lesen: Nicht nur der Anzeigenumsatz ist im Krisenjahr 2009 eingebrochen, auch die Verkaufszahlen sanken trotz des neuen redaktionellen Konzeptes weiter. Hohe Marketing-Ausgaben des Marketing-Fachmannes Kranefuß haben den Prozess so wenig gestoppt wie die Blattreform des Chefredakteurs Haider. Das könnte die Eigentümer-Familien verunsichert haben. Hackmack, der verbleibende Vorstand, gehört einer dieser beiden Familien an. Auch der am Donnerstag installierte neue Aufsichtsratsvorsitzende Uwe Hoffmeister gehört zu der Hackmack-Familie.

Vor einem Monat hatte der Vorstand 60 Mitarbeitern, die "Jahrgang 1952 und älter" sind, per Brief ein vorzeitiges Ausscheiden nahe gelegt - "um die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens nicht zu gefährden" und "da die bisherigen Maßnahmen zur Kostensenkung bei weitem nicht ausreichen, um drastische Ertragsrückgänge zu kompensieren". Diese "Einladung" zu einer Informationsveranstaltung über eine Transfergesellschaft stehe nicht im Zusammenhang mit der Arbeitsleistung, versicherte die Verlagsleitung. Aber nicht alle Mitarbeiter der Jahrgänge "1952 und älter" haben die "Einladung" zum Ausscheiden erhalten.

Nicht nur die Mitarbeiter des Weser Kuriers wüssten gern, ob nach dem großen Krach nun ein Strategiewechsel ansteht. Allein: Die Zeitung, die über wichtige Vorgänge in wichtigen Unternehmen in der Stadt täglich berichtet, schweigt über sich selbst.
Klaus Wolschner


KOMMENTAR: KLAUS WOLSCHNER ÜBER WESER KURIER-STREIT

Wo Pressefreiheit endet

Man stelle sich vor, in einem wichtigen Unternehmen der Stadt würden 60 Mitarbeiter allein wegen ihres Alters vor die Tür gedrängelt, einer von zwei Geschäftsführern würde von einem Tag auf den anderen an die Luft gesetzt und der halbe Aufsichtsrat würde das Handtuch werfen - das würde Schlagzeilen geben. Jede Bitte des Unternehmens, doch von einer Berichterstattung abzusehen, würde mit einem Hinweis auf die Pressefreiheit beschieden.

Nur eine Sorte von Unternehmen kann sich in einer weitgehend monopolisierten Medienlandschaft erlauben, solche Vorgänge als Privatsache der Besitzer zu behandeln: Medienunternehmen. Wobei die für die Öffentlichkeit wichtiger sind als entsprechende Vorgänge etwa in der Elektrizitäts - oder der holzverarbeitenden Industrie. Aber offenbar endet die Pressefreiheit an den Toren des Weser Kuriers mehr noch als an jedem anderen Fabriktor. Erstaunlicherweise schweigt auch Radio Bremen.

Skandalös ist das, weil es die Aufgabe von Medien in der Demokratie diskreditiert. "Unprofessionell", würde man sagen, ist es zudem allemal: Hunderte von MitarbeiterInnen des Weser Kuriers müssen spekulieren. Das Gerede in der Stadt wird kein Ende haben, solange der verbliebene Rest der Unternehmensführung nicht Klartext redet.

Quelle (mit freundlicher Genehmigung): Taz v. 18.12.09