19. September 2009

Streit um Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Felicia Langer jetzt auch in Bremen

Arn Strohmeyer, Journalist, Buchautor und Mitglied im "Netzwerk für gerechten Frieden im Nahen Osten"

Felicia Langer, Rechtsanwältin und Buchautorin bei ihrem Vortrag am 25.04.09 im Bremer Übeseemuseum

Der Nahost-Konflikt spaltet Anhänger und Gegner Israels seit langem in zwei Lager. Das ist bekannt. Die Auseinandersetzung hat in Deutschland vor Wochen aber einen ganz konkreten Anlass für erbitterten Streit gefunden – die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Felicia Langer. Dieser Streit hat nun auch Bremen erreicht. 

Felicia Langer ist immer eine streitbare Frau gewesen. Was sich vielleicht aus ihrer Biographie ergibt. Die aus Polen stammende Jüdin floh vor den Nazis in die Sowjetunion, wanderte später nach Israel aus, studierte dort Jura und engagierte sich als Anwältin für die Schwächsten der im jüdischen Staat – und ab 1967 in den besetzten Gebieten – lebenden Menschen – die Palästinenser. Tausende von ihnen hat sie vor Gericht verteidigt, um ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen. Die Einsichten, die sie bei dieser Arbeit in die Unterdrückung der Angehörigen dieses Volkes gewonnen hat, behielt sie nicht für sich. Sie ist damit an die Öffentlichkeit gegangen und hat sich für eine Änderung der inhumanen Politik Israels diesen Menschen gegenüber und für eine gerechte Lösung des Nahost-Konflikts eingesetzt. Dass sie sich damit in den herrschenden Kreisen Israels keine Freunde gemacht hat, versteht sich von selbst. Sie hat ihr Engagement aber nie als Ablehnung des Staates Israel verstanden, sondern nur seiner inhumanen Politik. Anfang der neunziger Jahre siedelte sie mit ihrer Familie nach Deutschland über, wohl nicht zuletzt deswegen, weil man ihr in Israel wegen ihrer Arbeit so zugesetzt hatte. Hier setzte sie ihre publizistische Tätigkeit fort, schrieb Bücher, hielt Vorträge, gab Interviews und hatte auch einen Lehrauftrag an der Universität Bremen – sich immer für das Ziel einsetzend: das Ende der Besatzung und eine für beide Seiten gerechte Lösung dieses nun schon Jahrzehnte andauernden Konflikts. Ihr Mann ist übrigens ein Holocaust-Überlebender, er hat fünf Todeslager der Nazis überstanden. 

Für ihr „menschliches Engagement“ hat ihr in diesem Jahr Bundespräsident Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz verliehen. Angeregt hatte die Verleihung die Tochter des früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, Ellen Hecht-Galinski. Diese Ehrung wurde zum erbitterten Streitpunkt. Jüdische und nicht-jüdische Befürworter der israelischen Politik eröffneten eine regelrechte Kampagne gegen Felicia Langer. Prominente in Deutschland lebende Juden – wie der Publizist Ralph Giordano – drohten mit der Rückgabe ihres Bundesverdienstkreuzes, wohl in der Hoffnung, Bundespräsident Köhler würde seine Ordenverleihung an Felicia Langer zurückziehen. Giordano machte aber selbst einen Rückzieher und behielt seinen Orden. Zurückgegeben haben ihn aber inzwischen der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Nürnberg, Arno Hamburger, und der israelische Bürger Motke Shomrat. 

Für diese Entscheidung bekam Hamburger begeisterten Zuspruch von den Israel-Anhängern in Deutschland – einschließlich des Zentralrats der Juden in Deutschland und der so genannten „Achse des Guten“, einer Web-Seite, die von dem deutsch-jüdischen Publizisten und Spiegel-Autor Henryk Broder verantwortet wird. Auch die Jüdische Kultusgemeinde in Bremen schloss sich nun der Zustimmung an. In einem Brief an Arno Hamburger beglückwünscht das Präsidium der Gemeinde (Elvira Noa, Renata Bas, Dr. Grigori Pantilejew) diesen zu seinem Entschluss. Felicia Langer wird in dem Schreiben als „Israel-Hassserin“ und die Verleihung des Ordens an sie als Ausdruck für die „Ausbreitung der israel-feindlichen und letztendlich antisemitischen Stimmung in Deutschland“ bezeichnet. Die Gemeinde greift in ihrem Schreiben auch das „Bremer Netzwerk für gerechten Frieden im Nahen Osten“ scharf an. Wörtlich heißt es dort: „In unserer Stadt wurde Felicia Langer mehrfach euphorisch gefeiert. Wir bedauern zutiefst, dass sich auch in Bremen viele finden, die den Hass auf Israel für vertretbar halten, die sich zu einem Verein mit dem scheinheiligen Namen ‚Bremer Netzwerk für [gerechten] Frieden im Nahen Osten’ zusammengefunden haben, eine ungezügelte ‚Israel-Kritik’ verbreiten und im selben Augenblick meinen, Tabus und Verbote zu brechen. Die Linke Partei Bremen geht gar so weit, eine Kandidatin für die Bundestagswahl aufzustellen, die Juden vorwirft, aus Auschwitz nichts gelernt zu haben. Keiner von ihnen will Antisemit sein, denn eine ehemalige Israelin spricht das aus, was sie meinen. Nichts Neues unter der Sonne...“ Die Gemeinde will Unterschriften gegen die Ordensverleihung an Felicia Langer sammeln. 

Fakt ist, dass das Bremer Netzwerk, das sich für eine beiden Seiten des Nahost-Konflikts gerecht werdende Lösung des Problems einsetzt, Felicia Langer zu einem einzigen Vortrag eingeladen hat. Den hat sie gehalten. Anschließend wurde über ihre Thesen diskutiert, wobei sich auch Befürworter der Politik Israels zu Wort meldeten. Fakt ist auch, dass das Bremer Netzwerk , das seit einem dreiviertel Jahr besteht, bisher vier israelische und einen deutschen Referenten zu Vorträgen zu Gast hatte, aber noch keinen einzigen arabischen...
Arn Strohmeyer
Mitglied im Netzwerk für gerechten Frieden im Nahen Osten


wir dokumentieren hier die
Stellungnahme des Präsidiums der Jüdischen Gemeinde Bremen

                                                                    Bremen, 16. September 2009

Sehr geehrter Herr Hamburger,
die Jüdische Gemeinde Bremen möchte Ihnen ihre solidarische Unterstützung aussprechen. Mit der Rückgabe Ihrer wohlverdienten Auszeichnungen an das Präsidialamt haben Sie die richtige Form des Protestes gefunden – gegen die Ehrung einer Israelhasserin, gegen die der deutschen und israelischen Geschichte entgegen gebrachte gleichgültige Beamtenmentalität, gegen die Ausbreitung der israelfeindlichen und letztendlich antisemitischen Stimmung in Deutschland. Sie sind damit für die Würde des deutsch-jüdischen Dialogs eingetreten, haben Stolz bewahrt, die Gerechtigkeit angemahnt.

Sie und der israelische Bürger Motke Shomrat haben Ihre Bundeskreuze zurückgegeben. Eine große Tat braucht keine Masse. Sie beiden haben gezeigt, dass es möglich ist, gegen den Strom zu schwimmen, auch wenn der mediale öffentliche Druck so stark sein mag, auch wenn falsche Freunde so stark monieren, auch wenn kaum einer aus den eigenen Reihen mitmacht.

In unserer Stadt wurde Felicia Langer mehrfach euphorisch gefeiert. Wir bedauern zutiefst, dass sich auch in Bremen viele finden, die den Hass auf Israel für vertretbar halten, die sich zu einem Verein mit dem scheinheiligen Namen „Bremer Netzwerk für Frieden im Nahen Osten“ zusammengefunden haben, eine ungezügelte „Israelkritik“ verbreiten und im selben Augenblick meinen, Tabus und Verbote zu brechen. Die Linke Partei Bremen geht gar so weit, eine Kandidatin für die Bundestagswahl aufzustellen, die Juden vorwirft, aus Auschwitz nichts gelernt zu haben.*) Keiner von ihnen will Antisemit sein, denn eine ehemalige Israelin spricht das aus, was sie meinen. Nichts Neues unter der Sonne…

Angesichts dieser Lage ist es uns aber besonders wichtig, dass Sie von unserer Dankbarkeit für Ihre mutige Geste wissen. Wir sind stolz auf Sie! Grüßen Sie bitte die Nürnberger Israelitische Kultusgemeinde von uns.

Viel Gesundheit und Zuversicht wünschen wir Ihnen persönlich, viel Glück Ihrer Familie und der Gemeinde!

Elvira Noa, Renata Bas, Dr. Grigori Pantijelew
Präsidium der Jüdischen Gemeinde Bremen
Quelle: www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/print/0013103


*) Anmerkung der Redaktion v. 28.09.09:
Der Vorwurf, der in dieser Stellungnahme vom Präsidium der Jüdischen Gemeinde Bremen gegen die Linkspartei erhoben wird, ist recht schwerwiegend. Cornela Barth, eine der Landessprecherinnen, ist der Frage nachgegangen und hat die Kandidatinnen gefragt, ob eine solche Äußerung gefallen sein könnte. Antwort, eindeutig: Nein. Vielleicht lässt sich ja noch mal klären, was hier vorgefallen sein könnte.

hier die Antwort von Arn Strohmeyer:
Offener Brief an das Präsidium der Jüdischen Gemeinde in Bremen
                                                                   
                                                                       Bremen, im September 2009
Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie haben in einem offenem Brief Herrn Arno Hamburger dazu beglückwünscht, dass er das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz aus Empörung über die Verleihung dieses Ordens an Felicia Langer zurückgegeben hat. Nun darf man durchaus seiner Verwunderung darüber Ausdruck geben, dass er das nicht schon viel früher getan hat. Denn die Liste der Inhaber dieses Ordens weist eine ganze Reihe von furchtbaren Altnazis auf, die im so genannten Dritten Reich alle ihren Anteil an der Verwirklichung von Hitlers Terror-Politik hatten, nach dem Krieg erneut hohe Positionen bekleideten und offenbar durch diesen Orden wieder gesellschaftsfähig gemacht werden sollten. Aber wenn Arno Hamburger diese Gesellschaft nicht gemieden hat, dann ist das seine Sache.

Was Felicia Langer betrifft, so ist sie ohne Zweifel eine streitbare Frau. Aber sie erzählt und schreibt nicht irgendetwas, was sie sich ausgedacht hat. Sie weiß, wovon sie spricht. Denn sie hat im Gegensatz zu Ihnen Jahrzehnte lang in Israel gelebt und als Anwältin gearbeitet. Sie ist dort nicht im zionistischen Mainstream mit geschwommen, sondern hat die Schwächsten im jüdischen Staat vor Gericht verteidigt - die Palästinenser. Sie hat also sehr genauen Einblick in das System, wie diese Menschen in Israel behandelt werden und hat das öffentlich gemacht. Ist das der Grund, warum man ihr von Ihrer Seite „Verrat“ vorwirft?

Als guter Kenner der Bücher von Felicia Langer und Zuhörer mehrerer ihrer Vorträge weiß ich aber, dass ihr ganzes Schreiben und Tun von einem zutiefst humanen Anliegen geleitet wird. Ihr Ziel ist dabei immer, dass Israelis und Palästinenser endlich - nach so vielen Jahrzehnten der blutigen Gewalt - Frieden schließen, aber eben einen Frieden, der beiden Seiten gerecht wird. Ihr Ansatz ist dabei ein völlig anderer als der der offiziellen israelischen Politik. Was ja erlaubt sein muss, denn zu welcher Politik einer Regierung in dieser Welt gibt es keinen Widerspruch? Sie zieht wie sehr viele Juden in der ganzen Welt aus dem Holocaust den Schluss, dass dieser Israel nicht zu einer Politik der gnadenlosen Stärke ohne moralische Beschränkungen berechtige. Aus der Shoa könne man nicht nur eine exklusiv jüdische Folgerung ziehen, das Gedenken an dieses Menschhheitsverbrechen müsse eine Sache der ganzen Menschheit sein. Das Vermächtnis des Holocaust sei deshalb eine universell gültige Botschaft: Dass überall in der Welt der Kampf gegen Gewalt, Unterdrückung, Diskriminierung und Rassismus geführt werden müsse - ohne Ansehen von Nation, Hautfarbe oder Religion, damit so etwas wie Auschwitz nie wieder geschehen könne.

In diesem Sinne hat sie sich immer wieder für einen Frieden im Nahen Osten eingesetzt, der auch der viel schwächeren Seite in dieser Auseinandersetzung - eben den Palästinensern - Gerechtigkeit verschaffen müsse. Und nur bei einer solchen Lösung sieht sie die Zukunft Israels gesichert, was aber voraussetzt, dass Israel die universell geltenden Menschenrechte achtet. Ich denke, dass dies auch den besten Traditionen des Judentums entspricht.

Einer solchen Lösung sieht sich auch das „Bremer Netzwerk für gerechten Frieden im Nahen Osten“ verpflichtet und nicht einer „ungezügelten Israel-Kritik“, wie Sie schreiben. Wir haben Felicia Langer - wie übrigens schon mehrere Israelis - zu einem Vortrag eingeladen. Dabei haben wir Felicia Lager zugehört und sie zu keiner Minute „euphorisch gefeiert“, wie Sie behaupten. Anschließend haben wir mit ihr diskutiert, dabei kommen immer auch Gegner unserer Position - also Verteidiger der offiziellen israelischen Politik - zu Wort. Unsere Veranstaltungen stehen grundsätzlich jedem offen. Nur Dialog kann im Nahen Osten zum Frieden führen und auch die unterschiedlichen Standpunkte zwischen uns hier in Bremen klären. In diesem Sinne sind wir auch jederzeit zum Gespräch mit der Jüdischen Gemeinde bereit.

Mit freundlichem Gruß
Arn Strohmeyer
Mitglied im "Netzwerk für gerechten Frieden im Nahen Osten"