25. April 2009

"Solidarität ist die schönste Blume der Menschheit". Felicia Langer im Überseemuseum

Felicia Langer

Arn Strohmeyer vom neu gegründeten Bremer Netzwerk für einen gerechten Frieden im Nahen Osten bei seiner Einführung

ca. 100 Zuhörerinnen und Zuhörer im Vortragssaal des Überseemuseums

Felicia Langer ist eine israelische und jüdische "schriftstellernde Anwältin". Sie wurde 1930 in Tarnow in Polen geboren, floh mit ihren Eltern vor der deutschen Invasion in die Sowjetunion und wanderte 1950 nach Israel aus. Seit dem Sechstagekrieg 1967 fing sie an, sich für Frieden, Gerechtigkeit und die Menschenrechte zu engagieren. Vor allem fing sie an, als Rechtsanwältin auch Palästinenser in den besetzten Gebieten zu verteidigen. Ihre bitteren Erfahrungen gerade mit der israelischen Justiz schilderte sie in mehreren Büchern, was sie schnell als eine unerschrockene und radikale Kritikerin bekannt machte. Ihr Engagement brachte ihr aber auch immer stärkere Anfeindungen in Israel ein. Felicia Langer lebt heute in Tübingen.

Das neu gegründete "Bremer Netzwerk für einen gerechten Frieden in Nahost" hatte sie am 22. April in das Überseemuseum zusammen mit dem Bremer Friedensforum, dem Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung (biz) und der deutsch-palästinensischen Gesellschaft zu einem Vortrag in das Bremer Überseemuseum eingeladen.

In weitgehend freier Rede, mit ihrer ganz charakteristischen leisen, eindringlichen und etwas brüchigen Stimme verurteilte die jetzt 79-jährige die Besatzungs- und Kriegspolitik des israelischen Staates mit überaus scharfen Formulierungen. Es wurde still im Saal und spannungsgeladen, wenn sie Sätze formulierte, die sich Deutsche nie zu sagen trauen würden. Israel sei heute ein rassistischer Staat; Gebiete würden ethnisch gesäubert; die Siedlungs- und Besatzungspolitik führe zur Apartheid, genauso wie seinerzeit in Südafrika. Dass jetzt ausgerechnet Avigdor Lieberman von der extremen Rechten  in der neuen Regierung Außenminister geworden ist, wäre eine Schande für Israel. Nicht alle kannten Liebermans Äußerung während des Gaza-Krieges. Man müsse, so Lieberman, mit den Palästinensern notfalls so verfahren wie seinerzeit die Amerikaner mit den Japanern. Wobei man wissen müsse, fügte Felicia Langer leise hinzu, dass Israel - genau wie damals die USA - über Atomwaffen verfüge.

Unvorstellbar wäre, was im Gaza-Streifen passiert sei. 1000 Worte und 1000 Bilder könnten keine Vorstellung von den Schrecken vermitteln. 1,5 Millionen Palästinenser, davon 70 - 80 % Flüchtlinge, wären eingesperrt in ein Gebiet von 365 qkm. Gaza wäre zu einem Gefängnis gemacht und die Schlüssel ins Meer geworfen worden. Nein, der Krieg in Gaza wäre kein Krieg gewesen. Es hätte sich um einen Angriff einer Armee mit Panzern und Kampfflugzeugen gegen eine Zivilbevölkerung gehandelt, der keine Möglichkeit zur Flucht gelassen worden wäre. Alles nur, weil die Bevölkerung falsch gewählt hätte, nämlich die Hamas. "Es war eine Jagd auf Menschen in einem Käfig." Unvorstellbare Kriegsverbrechen seien geschehen. Und unfassbar sei, dass die Weltöffentlichkeit dazu weitgehend schweigt.

Der Angriff auf zivile Ziele mit militärischen Mitteln sei völkerrechtswidrig. Dieser Vorwurf müsse, so Frau Langer unmissverständlich, eindeutig auch gegen die Abschüsse von Kassam-Raketen durch die Hamas, die sich auch auf zivile Ziele richteten, gerichtet werden. Entschieden sei aber eine Beurteilung der Massaker in Gaza abzulehnen, die eine "Schuld" gleichmäßig auf beide "Parteien", die Hamas hier und das israelische Militär dort, verteile. Beide Seiten seien nicht gleichzusetzen. 1.400 Palästinenser und 13 Israelis seien getötet worden, davon wahrscheinlich sieben von den israelischen Soldaten im "friendly fire".

Es gab natürlich einen wichtigen Punkt in der anschließenden Diskussion. Können bzw. dürfen, und wenn ja, wie können Deutsche, die den Holocaust auf dem Gewissen haben, die israelische Besatzungs- und die Apartheid-Politik in Palästina kritisieren? Felicia Langer gab dazu eine lange und gründliche Antwort, die sie aus einem ihrer Bücher vorlas. Hier der Text:

"Es kommt die Frage aller Fragen, die bei jeder Veranstaltung gestellt wird. Wie können wir, die Deutschen, mit unserer Vergangenheit und unserer Schuld den Juden gegenüber, es wagen, Israels Taten zu kritisieren? Ich beantwortete sie (meiner deutschen Freundin Hildegard) besonders ausführ­lich, gerade weil sie von entscheidender Bedeutung ist. Ich werde wohl nie Hildegards Schilderung vergessen, wie sie in Slowenien zum ersten Mal Juden traf, die in ihrer Jugend in Auschwitz gewesen waren, und wie sie und ihre deutsche Freundin nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten. »In die­sem Augenblick hatte ich das Gefühl, als ob ich sie persönlich ins Lager geschickt hatte«, sagte sie mir.

In der Tat sind die Deutschen, gerade wegen ihrer Vergan­genheit, dazu verpflichtet, sich überall dort einzumischen, wo Menschenrechte verletzt werden. Sie haben schon einmal geschwiegen, wenn auch in einer anderen Zeit und unter anderen Umständen. Das Schweigen angesichts von Unrecht hat vor allem dann, wenn es den Opfern helfen könnte, die Stimme zu erheben, einen Beigeschmack von Mittäterschaft.

Wir, die Israelis, die Juden, können keinerlei Recht bean­spruchen, als Opfer von gestern Täter von heute zu sein. Das Testament unserer Toten, der Toten des Holocaust, macht eine klare Aussage. Wir haben auch kein Recht, die Schuldge­fühle der Deutschen zu funktionalisieren, so wie Israel das tut, und sie, was unsere Taten angeht, zum Schweigen zu verurtei­len, damit wir ungestört, jeder Einmischung und Kritik ent­zogen, die Palästinenser unterdrücken können. Wer behauptet, dass man die Menschenrechtsverletzungen Israels, die dem Völkerrecht zuwiderlaufen, nicht anprangern dürfe - also etwas nicht tun dürfe, was die Menschenrechtsorganisationen in Israel und in der Welt schon seit Jahren tun -, weil das Antisemitismus sei, wer das behauptet, der lügt wissentlich frech und erpresserisch, um die Stimmen der Kritik zum Schweigen zu bringen.

Substanzlose Anschuldigungen wie diese müssen mit allem Nachdruck zurückgewiesen werden, ebenso die Einschüchterung, eine Kritik an Israels Verhalten könnte den Applaus dei falschen Seite herbeiführen. Die Deutschen müssen ihre Verpflichtung, die aufgrund ihrer Vergangenheit im Vergleich mi anderen Völkern doppelt und dreifach wiegt, ganz entschieden wahrnehmen und gegen jedes Anzeichen von Rassismus Menschenrechtsverletzungen, Antisemitismus oder Fremdenhass, in welcher Form auch immer, ankämpfen. Darin ist auch eine äußerst klare Botschaft an jene »falsche Seite« enthalten. Denn nicht diese ist es, welche Menschen mit Gewissen ihre Position diktiert. Die Reaktion der »falschen Seite« wird immer so geartet sein, Menschen von der Unterstützung einei gerechten Sache, wo auch immer, abzuhalten.

Wir Israelis und Juden haben auch kein Recht, die Deut­schen wegen ihrer Vergangenheit über Generationen hinweg für untauglich zu erklären, ihren Standpunkt in Fragen der Moral zu äußern, oder aber sie kollektiv eines quasi angebore­nen Antisemitismus zu bezichtigen. Das ist Rassismus, und dieser bleibt hässlich wie jede andere Form von Rassismus, auch wenn seine Vertreter die Opfer von gestern sind.

Die besten unserer Töchter und Söhne in Israel und außer­halb verurteilen die Unterdrückung und wenden sich an die Gemeinschaft der Welt, inklusive der Deutschen, ihre Solida­rität mit den Opfern auszudrücken.

Freundschaft mit Israel, ja, aber eine kritische Freundschaft, anderenfalls ist sie reiner Betrug. Solidarität ist die schönste Blume der Menschheit, sagten die Frauen Guatemalas - und ich ebenso."

(aus: Felicia Langer: Die Frau, die niemals schweigt. Göttingen 2005, S. 123 ff.)

Die etwa 100 Zuhörer und Zuhörerinnen dankten der Referentin mit lang anhaltendem Beifall und mit einer anschließenden lebhaften Diskussion.
Sönke Hundt

Zur nächsten Veranstaltung hat das "Bremer Netzwerk für einen gerechten Frieden im Nahen Osten" Prof. Norman Paech, den bekannten Völkerrechtler und außenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag eingeladen, der zum Nahostkonflikt aus völkerrechtlicher Sicht sprechen wird. Termin: 14. Mai. Ort wird rechtzeitig auf der Terminseite angegeben.