Geschichtswissenschaft konkret: Wie mit der Nazi-Architektur umgehen? Die 50. Gedenkstättentagung in Bremen
In Bremen-Farge befand sich von Juli 1943 bis April 1945 eine unterirdische Produktionswerft für die Marine, in der insgesamt 12000 Menschen Sklavenarbeit verrichten mußten: KZ-.Häftlinge, sowjetische Kriegsgefangene, zivile Zwangsarbeiter, italienische Militärinternierte und Insassen eines »Arbeitserziehungslagers« der Bremer Gestapo. Einige tausend von ihnen waren in einem Treibstoffbunker untergebracht, dabei starben mindestens 2000 Männer.
Dieser Bunker, dem die Nazis den Tarnnamen »Valentin« gaben, ist immer noch in der Welt. An ihm ließen sich wie an keinem anderen Großprojekt alle vom Naziregime eingesetzten Methoden des Einsatzes von Zwangsarbeitern studieren, so die Veranstalter des 50. bundesweiten Gedenkstättenseminars, das Mitte September in Bremen stattfand. Eingeladen hatten die Berliner Stiftung Topografie des Terrors, die Bundeszentrale wie auch die Bremer Landeszentrale für politische Bildung und die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Eine Besichtigung des Bunkers ist bislang nicht ohne weiteres möglich: Man muß sich für eine Führung anmelden, denn der Bunker wird noch von der Bundeswehr als Marinematerialdepot genutzt – bis 2010. Für die Zeit danach steht er bereits im Internet zum Verkauf, der Bund will diese Liegenschaft loswerden.
Allerdings gibt es seit über zehn Jahren Bestrebungen, den Bunker mit einigen noch existierenden Baracken und Lagerstandorten zu einer »Erinnerungslandschaft« auszugestalten. Die Gleichzeitigkeit von Modernität und Barbarei des NS-Systems ist hier besonders augenfällig. Zwei Vereine – der Verein Dokumentations- und Gedenkstätte Geschichtslehrpfad Lagerstraße/U-Boot-Bunker Valentin e.V. und der Heimatverein Neuenkirchen e. V. haben bereits mit großem Engagement dazu beigetragen.
Der Umgang mit dieser Nazi-Hinterlassenschaft und der Erinnerung daran ist selbst Geschichte: Seit 1967 versammelten sich hier jährlich am Himmelfahrtstag ehemalige französische Zwangsarbeiter, um der Toten zu gedenken. Erst Anfang der 80er Jahre wurde mit der Dokumentierung begonnen, nachdem der Ort bis dahin weitgehend totgeschwiegen oder verharmlost wurde. 1983 folgte die Errichtung eines Mahnmals am Ort. Noch 1989 war das Bunker-Monument aus Luftbildern und Katasterkarten herausretuschiert. Seit 2007 gibt es eine Dauerausstellung in der Ruine. Und nun sollte das 50. Gedenkstättenseminar der Sache noch mal Schub verleihen. Denn daß hier ein »DenkOrt« entstehen soll, ist unter Experten und Landespolitikern mittlerweile unumstritten, jetzt geht es nur noch um das Wie. Bremens Bürgermeister und Senatspräsident Jens Böhrnsen (SPD) sicherte die Unterstützung der Stadt zu, forderte aber auch die notwendige Hilfe des Bundes ein.
Neben der Finanzierung des Projekts ist ein besonderes Problem die Dimension nicht nur des Bauwerks, sondern auch des über zehn Quadratkilometer großen Geländes. Es handelt sich hier um eine Region, die seit 1935 für den Angriffskrieg umgestaltet und aufgerüstet wurde. Unterirdische Tank- und Vorratslager, Schienenwege, Umschlagplätze und ein dichtes Netz von Zwangsarbeiterlagern und Wohnbaracken haben sie geprägt. Heute ist davon höchstens für Ortskundige noch etwas zu bemerken. Bis auf den Bunker, der unübersehbar am Weserufer steht. Die »Wunderwaffe« der Marine, das U-Boot des Typs XXI, sollte hier in dreizehn Taktstationen wie am Fließband aus einzelnen Segmenten gebaut und dann gleich in die Weser zu Wasser gelassen werden. Alle 56 Stunden ein Boot. Dazu kam es allerdings nicht mehr.
Beim Gedenkstättenseminar standen neben dem Besuch der historischen Orte in Bremen-Farge und Schwanewede, der Erläuterung der Ausstellungskonzeption und der Filmvorführung »depot dämon denkort«, eines 18minütigen Dokumentarfilms vor allem für die Bildungsarbeit, Vorträge und Arbeitsgruppen auf dem Programm. Sie beschäftigten sich mit den Zielsetzungen der Marinerüstung, der Bedeutung der Zwangsarbeit bei deren Umsetzung und der Analyse der vom Bunkerbau existierenden zeitgenössischen Foto- und Filmdokumente als historische Quelle. Die Beteiligung der Marine an den Naziverbrechen und die Rolle der Organisation Todt bei der Rekrutierung der Zwangsarbeiter waren neuere Aspekte der Forschung. Die Marine hatte die Bauleitung inne; Marinesoldaten waren neben SS-Männern zur Bewachung der Häftlinge eingesetzt. Sie war beteiligt an Gewalt und Terror, an Totprügeln, Verhungernlassen, »Erschießen auf der Flucht«. Das ist im öffentlichen Bewußtsein bisher wenig bekannt.
Wie kann man nun ohne pädagogischen Zeigefinger für künftige Besucher, vor allem für Jugendliche, den »Denkort Bunker Valentin« angemessen zum Sprechen bringen? Der Anblick des Bauwerks allein erzeugt keine Erkenntnis. In der Ausstellung ist ein Zeitungsartikel zu sehen, in dem gefordert wurde, beim täglichen »Umgang mit Fremdvölkischen« in den Betrieben und im Alltag deutlich klarzustellen, wer »Herr im Hause« sei. »Besonders in luftgefährdeten Gebieten könnten Lagen auftreten, »die einen verwöhnten und unverschämten Gast verführen möchten, die Füße auf den Tisch unseres Hauses zu legen.« Die Häftlinge arbeiteten barfuß mit Zement und Stahl.
Einer der Überlebenden, der Franzose Raymond Portefaix, bezweifelt, daß die Deutschen etwas aus ihrer barbarischen Geschichte gelernt hätten: »Die tiefe, affektive Verurteilung dieser Ungeheuerlichkeiten stellt sich immer noch nicht als Ergebnis einer Anstrengung des Bewußtsein beim Einzelnen dar«. Dafür Voraussetzungen zu schaffen wäre auch die Aufgabe der hier auszugestaltenden »Erinnerungslandschaft«.
Sabine Lueken
Quelle (mit freundlicher Genehmigung): Junge Welt v. 25.09.08