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28. November 2008

Gesundheit als Beute

Auf Hippokrates legen alle Ärzte ihren Eid ab. Abb.: Wikipedia

Klinikum Bremen-Mitte mit einer guten handchirugischen Abteilung

Der Slogan "Gesundheit als Ware" ist ja noch euphemistisch zu nennen gegenüber dem, was sich im und am Gesundheitsmarkt tatsächlich abspielt. Mit dem Kauf einer Ware verbindet man eigentlich den Vergleich zwischen verschiedenen Angeboten und eine freie Entscheidung für das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Wie soll das funktionieren, wenn man ein Problem mit der Gesundheit hat? Wenn einem z. B., wie vor ein paar Tagen in Zeven bei einen Arbeitsunfall geschehen, die Hand abgetrennt wird, man im Hubschrauber ins Klinikum Bremen-Mitte geflogen wird und dort ein Ärzteteam bereit und in der Lage ist, die Hand wieder anzunähen ... Kann und soll das der Markt regeln?

Wohl kaum. Ein Markt kann hier nicht richtig funktionieren. Die Entscheidung über das Wo und Wie kann nicht der Patient, die Entscheidung kann nur von qualifizierten und verantwortungsbewussten Ärzten getroffen werden. Aber - trotz offensichtlichem Marktversagen - Geschäfte werden trotzdem gemacht. Und die Konkurrenz schlief auch in diesem Fall nicht!

Gestern im Krankenhausausschuss der Bremer Bürgerschaft kam dieser Fall in Verbindung mit einer Beschwerde zur Sprache. Die Roland-Klinik, ein freies Krankenhaus, hatte sich bei der Gesundheitssenatorin Ingelore Rosenkötter beschwert, dass - laut Landeskrankenhausplan - nur sie in Bremen das Geschäft mit der Handchirurgie betreiben dürfe. Und das Klinikum Bremen-Mitte dafür im Tausch das Geschäft mit der Urologie bekommen hätte. Es gäbe hier verbindliche Absprachen. Das Klinikum Mitte weite hier sein "Leistungsspektrum in unzulässiger Weise aus". Und überhaupt würden die kommunalen Kliniken eine "aggressive Marktpolitik gegen die freien Kliniken" betreiben.

Diese Absprachen gibt es tatsächlich. Und es geht dabei um viel Geld, schließlich stellen die Chirurgie und noch mehr die Urologie im Gesundheitsmarkt äußerst lukrative Geschäftsfelder dar. Hermann Schulte-Sasse, Staatssekretär bei der Gesundheitssenatorin und überhaupt ein überzeugter neoliberaler Gesundheitspolitiker, schützte "sein" Klinikum Bremen-Mitte in diesem Fall mit der Begründung: Notfall. Man hätte schließlich den Verletzten, nachdem er auf dem Hubschrauberlandeplatz gelandet war, nicht wieder in einen Krankenwagen verladen und zur Rolandklinik transportieren können. Und außerdem wäre das wieder auch ökonomisch nicht klug gewesen. Der Mann hätte wegen unterlassener Hilfeleistung auf Schadensersatz klagen können. Wie man hört, und wie bundesweit berichtet wurde, war die Operation eine medizinische Glanzleistung, und dem Patienten geht es hoffentlich gut. Aber ökonomisch gesehen hatte sich das Klinikum Mitte eine Beute geschnappt, die eigentlich schon der Roland-Klinik zugesprochen war. Und darüber wurde im Krankenhausausschuss eifrig verhandelt.

Im Bremer Gesundheitsmarkt knirscht es noch an anderer Stelle gewaltig. Diethelm Hansen, Geschäftsführer der "Gesundheit-Nord", der Holding für die vier kommunalen Kliniken, ist von der kassenärztlichen Vereinigung scharf attackiert worden.  Auch die Delegiertenversammlung der Ärztekammer hat eine Resolution verfasst. Worum geht es?

Hansen hat für die GeNo 18 Anträge gestellt, um in bestimmten Fällen Patienten auch ambulant behandeln zu können. Früher waren die Märkte strikt getrennt: die ambulante Behandlung ist das Geschäft der niedergelassenen Ärzte, und die stationäre Behandlung ist Sache der Krankenhäuser. Eine gewisse Durchmischung ist jetzt durch den neuen § 116 b des Sozialgesetzbuches V möglich. Bei "seltenen Erkrankungen und Erkrankungen mit besonderen Krankheitsverläufen" können Patienten auch ambulant im Krankenhaus behandelt werden. Zuständig für die Genehmigung ist die Gesundheitsbehörde.

Für den Patienten hat die Möglichkeit einer ambulanten Behandlung im Krankenhaus viel für sich. Er kommt in der Regel zu einem Ärzteteam, die Einrichtungen für weitere Untersuchungen (Ultraschall, Röntgen, CTR usw.) sind alle vorhanden, und er könnte auch, falls notwendig, zu einem anderen Spezialisten im Hause weitergereicht werden. Vor allem: er würde nicht das Euro-Zeichen im Auge des privaten, niedergelassenen Arztes sehen, der bei jeder medizinischen Entscheidung mitdenkt (und mitdenken muss), wie sie sich auf sein eigenes Einkommen auswirken könnte. Das altbekannte Modell einer Poliklinik (wie weiland in der DDR) wäre also wirklich nicht schlecht.

Darum geht es aber hier leider nicht. Herr Hansen sucht schlicht und einfach nach neuen Geschäftsfeldern mit neuen Einnahmequellen für "seine" Krankenhäuser. Da der Gesundheitsmarkt ein gesättigter Markt ist, kann er seinen Anteil am Markt nur ausdehen, wenn er anderen Playern Marktanteile abjagt. Und das sind die niedergelassenen Ärzte, vor allem die Fachärzte, die es mit der Angst zu tun kriegen, wenn sie ihre Großgeräte nicht genügend auslasten, wenn sich ihre hohen Investitionen nicht schnell genug amortisieren, wenn gar ihre Einkommen sinken könnten.

Die akademischen Samthandschuhe werden dabei schnell ausgezogen. Die GeNo solle nicht weiter "mit der Brechstange" vorgehen, erklärte Till Spiro, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bremen, angesichts der Hansen-Pläne, sonst lande die Sache vor Gericht. Spiro hätte die Obleute ihrer Berufsverbände hinter sich, sie hätten sich in einer Resolution gegen die GeNo-Pläne gewandt. Die Sanierung der kommunalen Kliniken Mitte, Ost, Nord und Links-der-Weser dürfe nicht auf Kosten der Arztpraxen gehen. Hansen gehe es nicht um eine bessere Vesorgung der Patienten, sondern darum, für "seine" Kliniken neue Einnahmequellen zu erschießen". Das sagen Ärzte über andere Ärzte, die alle den hippokratischen Eid - alles zum Wohle des Patienten - geschworen haben. Kassenärztliche Vereinigung und Ärztekammer sollten bei ihrer völlig berechtigten Kritik aber nicht vergessen, sich auch an die eigene Nase zu fassen.
Sönke Hundt

hier die Resolution der Delgiertenversammlung Der Ärztekammer Bremen vom 24.11.08

mit dem vollen Titel: "Für eine sinnvolle Kooperation der vertragsärztlichen und der stationären Versorgung - Gegen den Aufbau unnötiger Doppelstrukturen"