Die Musical Company will erklärtermaßen mit Musik unterhalten, wogegen auch überhaupt nichts einzuwenden ist. Und dass die Company mit Musical-Musik ihr Geld verdient und verdienen muss, ist auch nicht weiter aufsehenerregend. Sehr befremdlich ist allerdings die Naivität und historische Ahnungslosigkeit, mit der der Bremer Senat aus dem Mund seiner Staatsrätin für Kultur diese Aktion begrüßt, überschwenglich lobt, sich bedankt und dafür sogar einen Empfang im Rathaus ausrichtet. "Ich finde es toll, dass Sie die Soldaten dort (in Afghanistan) unterhalten wollen" sagt die Staatsrätin. Sie sagt auch mit einem Unterton der bewundernden Anerkennung: "Was Sie tun, ist nicht ohne Risiko. Aber es bedeutet den Menschen dort sehr viel. Der Senat ist Ihnen sehr dankbar dafür."
(aus der Presseerklärung des Senats für Kultur vom 29.07.08)
Das Bremer Friedensforum ist befremdet über diese Wiederauflebung einer sehr belasteteten Form der Truppenbetreuung und liefert weitere Hintergrundinformationen:
"Auf der erneuten Reise der Bremer Musical Company (BMC) nach Afghanistan soll bei Konzerten im Stützpunkt Mazar-e-Sharif, in Kundus und Kabul den Soldaten ein paar schöne Stunden beschert werden. Aber: kein Satz zu den Verlusten und vor allem keinerlei Zweifel am Sinn der deutschen Beteiligung am Krieg. Der künstlerische Leiter, Thomas Blaeschke, und auch Ensemble-Mitglied Tina Maria Brenner in ihrer seichten, naiven Art ("Und wenn einem ein Soldat in den Armen liegt und vor Freude weint, weiß man, dass man das Richtige tut"), sehen sich offensichtlich in der Tradition der (unsäglichen) Truppenbetreuung, von Thomas Blaeschke "positive Tradition kultureller Truppenbetreuung als staatsbürgerliche Verpflichtung" genannt. Lale Andersen lässt grüßen.
Die BMC-Mitglieder zeigen sich darüber hinaus über die Lage in Afghanistan uninformiert oder wollen diese nicht zur Kenntnis nehmen. Auch durch die Präsenz deutscher Truppen (geplant ist eine weitere Aufstockung um 1000 Soldaten) weitet sich der Krieg täglich aus und fordert immer mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung. Die Einsätze deutscher Tornados und des Kommandos Spezialkräfte (KSK) tun dazu ihr Übriges. Die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung ist längst gegen den Einsatz fremder Truppen in ihrem Land, weil sich nach sieben Kriegsjahren ihre Lage weiter verschlechtert.
Thomas Blaeschke spricht gern von der großen Ehre, die Bundesrepublik Deutschland und die Freie Hansestadt Bremen zu vertreten und hat jetzt auch noch den offiziellen Segen von Staatsrätin Carmen Emigholz erhalten, die sich früher gern auf Abrüstungs- und Friedensdemonstrationen zeigte. Nach Meinung des Bremer Friedensforums vertritt die Bremer Musical Company nicht die deutsche und Bremer Bevölkerung, denn diese ist nachweislich mehrheitlich für den Rückzug der Truppen aus Afghanistan."
Der Abgeordnete der Linksfraktion Jost Beilken äußert sich ebenfalls deutlich und deutlich ablehnend. Er spricht in seiner Presseerklärung die Staatsrätin, den Kultursenator und den Bürgermeister direkt an: "Die Menschen in diesem Land sind bekanntermaßen mehrheitlich gegen die deutsche Beteiligung am Krieg in Afghanistan. Bitte berücksichtigen Sie das und lassen Sie die Bremische Kultur als Kriegsunterstützer aus dem Spiel!"
Für die Bremer Musical Company am Richtweg ist diese Art Truppenbetreuung offenbar schon eine gut ausgebaute Geschäftssparte geworden. So war die Company 2002 im Kosovo, 2003 in Bosnien-Herzegowin und schon 2007 in Afhanistan. "Mit unseren Auftritten dort möchten wir den Soldaten, die fernab von Heimat und Familie ihren Dienst leisten, ein bisschen Abwechslung und Entspannung bieten." So das Werbedeutsch auf der Hompage der BMC.
Übrigens: auf ihrer Homepage teilt die BMC mit, dass sich an ihren Reisen zu den deutschen Truppen im Ausland können auch Sponsoren beteiligen können. Wie sich diese dabei in Szene setzen - darüber gibt es leider keine Information.
Sönke Hundt