Die Entscheidung über die richtige Schulwahl für ihre 10-jährigen Kinder setzt viele Bremer Eltern unter großen Stress. Alle wissen, dass diese Entscheidung für die Zukunft der Kinder von großer Tragweite ist. Und die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen, vergrößert den Stress noch. In früheren Jahrzehnten setzte die Bremer Bildungspolitik darauf, in allen Stadtteilen für ein gleiches und gleich gutes Schulangebot zu sorgen. Es ist nie ganz erreicht worden, klar, aber das Ziel war richtig, und es bestimmte die Politik.
Heute soll der freie Elternwille auf dem freien Bildungsmarkt die freie Entscheidung treffen. Was das anrichtet, wird in Bremen immer deutlicher: die soziale Ungleichheit nimmt zu.
Noch hat der Markt die Herrschaft über die Bildung nicht vollständig angetreten. Noch ist die Bildung weitgehend staatlich. Aber die Tendenzen sind unübersehbar und werden von der Bildungsbehörde gefördert. In Weserkurier und Taz wird sorgfältig aufgelistet, wie das Verhältnis von "angewählt" zu "ausgewählt" sich darstellt. Die Ranking-Liste entsteht.
Solange der freie Markt die Entscheidungen noch nicht vollständig regelt, gilt für die Zuordnung der Schulkinder auf die Schulen ein äußerst kompliziertes Auswahl- und Zuordnungsverfahren, das auf fünf Seiten niedergelegt ist. Vor allem steckt es voller Ausnahmeregelungen, die es durchsetzungsfähigen Eltern mit Rechtsanwaltshilfe in allzu vielen Fällen erlauben, ihr Kind - auch wenn es im ersten Durchgang von der gewählten Schule abgewiesen ist - doch auf die Schule ihrer Wahl zu schicken.
So sind die Ergebnisse der Elternwahl:
51% für die Gymnasien
31% für die Gesamtschulen
14% für die Sekundaschulen
Interessant sind die Änderungen des Elternwillens im Vergleich zum letzten Jahr:
- 0,3% für die Gymnasien
+ 2,1% für die Gesamtschulen
- 1,7% für die Sekundarschulen
Hier die Ranking-Liste aus der Taz:
"Bei den Gymnasien ist das Kippenberg der Sieger mit 254 Anmeldungen, nur 189 können aufgenommen werden. Das Alte Gymnasium liegt auf Platz zwei mit 179 Anwahlen für 114 Plätze. Schlusslichter sind die Hamburger Straße (66) und Obervieland (59). Bei den Gesamtschulen sind die klassischen Gesamtschulen im Bremer Westen (211 Anmeldungen für 88 Plätze) und im Osten (183) stark gefragt, die Gesamtschule Mitte hat 181 für 109 Plätze, der Leibnitzplatz kann 84 von 155 angemeldeten Kindern aufnehmen."
Die GEW setzt die Akzente in ihrem Kommentar zur Schul-Eltern-Wahl etwas anders:
"Auch das diesjährige Aufnahmeverfahren wird bei vielen Eltern und SchülerInnen für Enttäuschungen sorgen: Jeder 8. Anmeldungswunsch kann nicht erfüllt werden. Die Ablehnungen sind an den Gesamtschulen und den durchgängigen Gymnasien besonders hoch. Hier wird jede fünfte Erstwahl nicht zum Zuge kommen.
Die GEW sieht sich durch diese Zahlen in ihrer Forderung nach einer gemeinsamen Schule für alle Kinder bestärkt.
Viele Eltern erkennen in der Gesamtschule, die mit dem Aussortieren der Kinder Schluss macht, eine positive Perspektive für ihre Kinder. Sie bietet den Schülerinnen und Schülern einen Bildungsgang ohne Brüche. Im Gymnasium dagegen erwarten sie die mit der Schulzeitverkürzung einhergehenden höheren Belastungen, wie erhöhter Leistungsdruck und die Gefahr, „aussortiert“ zu werden.
Gleichzeitig ist die Entwicklung für die Sekundarschulen mehr als besorgniserregend. Immer mehr Eltern sehen dieses offensichtlich ähnlich wie die externen Evaluatoren des Dr.-Otto-Seydel-Instituts für Schulentwicklung, wonach „die Sekundarschule zur neuen Restschule“ geworden ist.
Der Ausgrenzung von SchülerInnen, dem vielfachen individuellen Scheitern und der Überforderungssituation der Kinder im Gymnasium muss begegnet werden. Deshalb fordert die GEW bei der derzeitigen Schulentwicklungsplanung den Einstieg in eine gemeinsame Schule für alle Kinder."
Harry Eisenach, Sprecher des GEW-Stadtverbandes Bremen