31.12.1918
Die konservativen Kräfte des Bremer Bürgertums hatten noch am Abend des 6. November 1918, am Tage der Militärrevolte, die Einführung des Frauenwahlrechtes in der Bürgerschaftssitzung abgelehnt und damit ihre undemokratische Haltung dokumentiert. Erst als das Bürgertum erkannte, daß es sich den veränderten Machtverhältnissen anpassen mußte, verschrieb es sich der Parole der parlamentarischen Demokratie und formulierte seine politischen Forderungen, zu deren Realisierung es sich im Bürgerausschuß als Interessenvertretung gegenüber den revolutionären Gewalten organisierte.
Der Bürgerausschuß entfaltete eine rege Tätigkeit - so vor allem beim Empfang heimkehrender Truppen - um die Herrschaft des Arbeiter- und Soldatenrates aus den Angeln zu heben...
Der Heimkehr dieser Einheit hatten die Hoffnungen des Bürgertums gegolten. Die gegenrevolutionären Intentionen des Regiments dokumentierten die von ihm aufgestellten Forderungen. Diese Forderungen und Flugblätter konterrevolutionärer Tendenz alarmierten den Arbeiter- und Soldatenrat, der zur Bewaffnung der Arbeiterschaft aufrief. Am Neujahrstag gelang es den Radikalen, die Entwaffnung der 75er ohne Blutvergießen zu erreichen. Dadurch wurden deren politische, in ihrem Charakter konterrevolutionäre Forderungen gegenstandslos. Die revolutionären Gewalten in Bremen hatten die durch die Heimkehr des Regiments verursachte Kraftprobe bestanden.
Diejenigen Kreise des Bürgertums, die eine Änderung der politischen Verhältnisse und eine - zumindest teilweise - Restaurierung ihrer Macht erhofft bzw. geplant hatten, wurden enttäuscht. Der Versuch, die heimkehrenden Soldaten zur Entmachtung des radikalen Arbeiter- und Soldatenrates zu benutzen, scheiterte. Hilfe konnte nur noch von außen kommen. Deshalb wandten sich Vertreter des Bremer Bürgertums an die Reichsregierung und Oberste Heeresleitung mit der Bitte um Unterstützung, die ihnen, da die Reichsregierung selber so gut wie machtlos war, noch nicht gewährt werden konnte.
Dokumente
30. Dezember 1918
Anonymes Flugblatt
Soldaten!
Wir alle stehen auf dem Boden der Revolution. Wir alle wollen Freiheit und Gleichheit, aber wir wollen vor allem Ruhe und Frieden. Die Revolution und der Frieden in der Heimat werden durch die Bewaffnung des Proletariats aufs schwerste bedroht. Angeblich soll dadurch die Revolution geschützt werden. Das können wir selber! Wir haben in mehr als vier Jahren draußen vor dem Feinde gezeigt, daß wir unseren Mann stehen. Hinter dieser Maßnahme steht der Soldatenrat.
Kameraden von der Front!
Habt Ihr den Soldatenrat gewählt? Hat man Euch gefragt, ob Ihr mit ihm einverstanden seid? Seid Ihr damit zufrieden, daß die Mitglieder des Soldatenrates das Geld des bremischen Staates verschleudern und verprassen? Geht hin in die Kaffees, dort findet Ihr Euren Soldatenrat bei Sekt und Wein.
Kameraden von der Front!
Macht diesen himmelschreienden Zuständen ein Ende. Wählt einen neuen Soldatenrat, der vor dem Feinde gezeigt hat, daß er würdig ist, unsere Interessen zu vertreten.
31. Dezember 1918
Aufruf des Arbeiter- und Soldatenrates
(Flugblatt, am Nachmittag verteilt)
An die Bremer Arbeiterschaft!
Kampf der Revolution lautet die Parole der Gegner derselben. Der Arbeiter- und Soldatenrat soll abgesetzt werden. Die Offiziere des Feld-Regiments Nr. 75 sind von den Reaktionären Bremens bestimmt worden, die alte Herrschaft wieder aufzurichten. Auf zum Kampf! Sammelpunkt Kasernenhof, heute abend 6 Uhr.
Der Arbeiter- und Soldatenrat.
31. Dezember 1918
Aufruf des Soldatenrates
Arbeiter, Bürger und Soldaten!
Unser aktives Regiment 75 liegt vor den Toren Bremens. Es ist die letzte Rast vor dem Ein züge. Freuden-, Sieges- und Kampfeswünsche wehen ihnen wie ein Sturm entgegen. Endlich soll der heimatliche Einzug in glorreichem Triumphe gipfeln. Die Wünsche des Regiments sowie vieler Bürger überbrachte gestern eine Kommission der 75er dem hiesigen Soldatenrate.
Was sind die Wünsche? Einzug in die Kaserne! [. . .] Die Kameraden, die treu ihren Mann standen, als die Garnison sich erhob und die Reaktion stürzte, diese Treukämpfer der Revolution sollen die Kasernen räumen! Und warum? Sind nicht unsere 75er Fleisch von unserem Fleische, die ebenso unter der alten Knechtschaft des Militarismus gelitten haben? Sind sie nicht ebenso daran interessiert, daß unsere, durch die Kriegspolitik der alten Machthaber zusammengebrochene Wirtschaft wieder neu aufgebaut wird, und zwar nicht auf dem System der Sklavenausbeutung, sondern auf dem System, wo die Ausbeutung der Menschen durch Menschen nicht mehr möglich ist. Frei sei der Mensch und gebt ihm Freud' zur Arbeit.
Arbeiter, Bürger, Soldaten, wer organisiert den Brudermord? Die Reaktion hat den Verleumdungsfeldzug gegen den Arbeiter- und Soldatenrat eröffnet, nach diesem Trommelfeuer soll der Angriff erfolgen. Ihr Soldaten, wollt Ihr nochmals Krieg? Nein, weder für noch gegen die Revolution wollt Ihr bluten. Ihr wollt endlich nach Hause, Ihr wollt nach den jahrelangen Entbehrungen Ruhe, Ruhe und Frieden, und wir in dem Soldatenrat, wir wollen die Verbrüderung und nicht den Brudermord. Reicht uns die Hand!
Ihr Kameraden der 75er, kommt Ihr als Freund oder Feind?! Wißt Ihr, wozu dunkle Elemente Euch gebrauchen wollen, kennt Ihr die übelriechenden Gerüchte, die Euch als Werkzeuge neuer Putschversuche verwenden wollen? Kameraden! Zeigt öffentlich, daß Ihr mit den blutdürstigen Elementen nichts gemeinsam habt, macht dieser jetzt auf der Stadt lastenden Atmosphäre ein Ende, erklärt öffentlich, ob Ihr Gegner der Arbeiter- und Soldatenräte seid oder nicht. Offenheit und Wahrheit gibt Ruhe und Ordnung!
[Unterschriften]
Quelle für Text und Dokumente: Peter Kuckuk (Hrsg.), Revolution und Räterepublik in Bremen, Frankfurt 1969, S. 47
Hinweis der Redaktion: Die Redaktion bringt in der Rubrik "Vor 90 Jahren..." lediglich einzelne Meldungen, Beschlüsse, Dokumente etc., wie sie im Zeitablauf damals so stattfanden. Für einen schnellen, kurzen, systematischen Überblick siehe die beiden online-Quellen:
Günther Garbrecht, "Die Bremer Räterepublik von 1918 1919.
www-user.uni-bremen.de/~bremhist/Raeterepublik1918-19.html
Till Schelze-Brandenburg, Die Bremer Räterepublik
http://www-user.uni-bremen.de/~bremhist/Raeterepublik.html