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31. Dezember 2008

Vor 90 Jahren... Bürgertum, Soldatenrat und Kampf um die Waffen

Bremer Bürger-Zeitung v. 31. Dezember 1918

31.12.1918

Die konservativen Kräfte des Bremer Bürgertums hatten noch am Abend des 6. November  1918, am Tage der Militärre­volte, die Einführung des Frauenwahlrechtes in der Bürger­schaftssitzung   abgelehnt   und   damit   ihre   undemokratische Haltung dokumentiert. Erst als das Bürgertum erkannte, daß es sich den veränderten Machtverhältnissen anpassen mußte, verschrieb es sich der Parole der parlamentarischen Demokra­tie und formulierte seine politischen Forderungen, zu deren Realisierung es sich im Bürgerausschuß als Interes­senvertretung gegenüber den revolutionären Gewalten orga­nisierte.

Der Bürgerausschuß entfaltete eine rege Tätigkeit - so vor allem beim Empfang heimkehrender Truppen - um die Herr­schaft des Arbeiter- und Soldatenrates aus den Angeln zu heben...

Rückkehr des Infanterieregiments Nr. 75

Der Heimkehr dieser Einheit hatten die Hoffnungen des Bür­gertums gegolten. Die gegenrevolutionären Intentionen des Regiments dokumentierten die von ihm aufgestellten Forde­rungen.  Diese  Forderungen  und  Flugblätter konterrevolutionärer Tendenz alarmierten den Ar­beiter- und Soldatenrat, der zur Bewaffnung der Arbeiter­schaft aufrief. Am Neujahrstag gelang es den Radikalen, die Entwaffnung der 75er ohne Blutvergießen zu erreichen. Dadurch wurden deren politische, in ihrem Cha­rakter konterrevolutionäre Forderungen gegenstandslos. Die revolutionären  Gewalten  in Bremen  hatten  die  durch  die Heimkehr des Regiments verursachte Kraftprobe bestanden. 

Diejenigen Kreise des Bürgertums, die eine Änderung der po­litischen Verhältnisse und eine - zumindest teilweise - Re­staurierung ihrer Macht erhofft bzw. geplant hatten, wurden enttäuscht. Der Versuch, die heimkehrenden Soldaten zur Entmachtung des radikalen Arbeiter- und Soldatenrates zu benutzen, scheiterte. Hilfe konnte nur noch von außen kom­men. Deshalb wandten sich Vertreter des Bremer Bürgertums an die Reichsregierung und Oberste Heeresleitung mit der Bitte um Unterstützung, die ihnen, da die Reichsregierung selber so gut wie machtlos war, noch nicht gewährt werden konnte.

Dokumente

30. Dezember 1918
Anonymes Flugblatt
Soldaten!

Wir alle stehen auf dem Boden der Revolution. Wir alle wol­len Freiheit und Gleichheit, aber wir wollen vor allem Ruhe und Frieden. Die Revolution und der Frieden in der Heimat werden durch die Bewaffnung des Proletariats aufs schwerste bedroht. Angeblich soll dadurch die Revolution geschützt werden. Das können wir selber! Wir haben in mehr als vier Jahren draußen vor dem Feinde gezeigt, daß wir unseren Mann stehen. Hinter dieser Maßnahme steht der Soldaten­rat.

Kameraden von der Front!
Habt Ihr den Soldatenrat gewählt? Hat man Euch gefragt, ob Ihr mit ihm einverstanden seid? Seid Ihr damit zufrieden, daß die Mitglieder des Soldatenrates das Geld des bremischen Staates verschleudern und verprassen? Geht hin in die Kaf­fees, dort findet Ihr Euren Soldatenrat bei Sekt und Wein.

Kameraden von der Front!
Macht diesen himmelschreienden Zuständen ein Ende. Wählt einen neuen Soldatenrat, der vor dem Feinde gezeigt hat, daß er würdig ist, unsere Interessen zu vertreten.

 
31. Dezember 1918
Aufruf des Arbeiter- und Soldatenrates
(Flugblatt, am Nachmittag verteilt)

An die Bremer Arbeiterschaft!
Kampf der Revolution lautet die Parole der Gegner derselben. Der Arbeiter- und Soldatenrat soll abgesetzt werden. Die Offiziere des Feld-Regiments Nr. 75 sind von den Reak­tionären Bremens bestimmt worden, die alte Herrschaft wie­der aufzurichten. Auf zum Kampf! Sammelpunkt Kasernenhof, heute abend 6 Uhr.
Der Arbeiter- und Soldatenrat.

31. Dezember 1918
Aufruf des Soldatenrates 
Arbeiter, Bürger und Soldaten!

Unser aktives Regiment 75 liegt vor den Toren Bremens. Es ist die letzte Rast vor dem Ein züge. Freuden-, Sieges- und Kampfeswünsche wehen ihnen wie ein Sturm entgegen. Endlich soll der heimatliche Einzug in glorreichem Triumphe gipfeln. Die Wünsche des Regiments sowie vieler Bürger überbrachte gestern eine Kommission der 75er dem hiesigen Soldatenrate.

Was sind die Wünsche? Einzug in die Kaserne! [. . .] Die Kameraden, die treu ihren Mann standen, als die Garnison sich erhob und die Reaktion stürzte, diese Treukämpfer der Revolution sollen die Kaser­nen räumen! Und warum? Sind nicht unsere 75er Fleisch von unserem Fleische, die ebenso unter der alten Knechtschaft des Militarismus gelitten haben? Sind sie nicht ebenso daran in­teressiert, daß unsere, durch die Kriegspolitik der alten Machthaber zusammengebrochene Wirtschaft wieder neu auf­gebaut wird, und zwar nicht auf dem System der Sklaven­ausbeutung, sondern auf dem System, wo die Ausbeutung der Menschen durch Menschen nicht mehr möglich ist. Frei sei der Mensch und gebt ihm Freud' zur Arbeit.

Arbeiter, Bürger, Soldaten, wer organisiert den Brudermord? Die Reaktion hat den Verleumdungsfeldzug gegen den Ar­beiter- und Soldatenrat eröffnet, nach diesem Trommelfeuer soll der Angriff erfolgen. Ihr Soldaten, wollt Ihr nochmals Krieg? Nein, weder für noch gegen die Revolution wollt Ihr bluten. Ihr wollt endlich nach Hause, Ihr wollt nach den jahrelangen Entbehrungen Ruhe, Ruhe und Frieden, und wir in dem Soldatenrat, wir wollen die Verbrüderung und nicht den Brudermord. Reicht uns die Hand!

Ihr Kameraden der 75er, kommt Ihr als Freund oder Feind?! Wißt Ihr, wozu dunkle Elemente Euch gebrauchen wollen, kennt Ihr die übelriechenden Gerüchte, die Euch als Werk­zeuge neuer Putschversuche verwenden wollen? Kameraden! Zeigt öffentlich, daß Ihr mit den blutdürstigen Elementen nichts gemeinsam habt, macht dieser jetzt auf der Stadt la­stenden Atmosphäre ein Ende, erklärt öffentlich, ob Ihr Geg­ner der Arbeiter- und Soldatenräte seid oder nicht. Offenheit und Wahrheit gibt Ruhe und Ordnung!
[Unterschriften]


Quelle für Text und Dokumente: Peter Kuckuk (Hrsg.), Revolution und Räterepublik in Bremen, Frankfurt 1969, S. 47



Hinweis der Redaktion: Die Redaktion bringt in der Rubrik "Vor 90 Jahren..." lediglich einzelne Meldungen, Beschlüsse, Dokumente etc., wie sie im Zeitablauf damals so stattfanden. Für einen schnellen, kurzen, systematischen Überblick siehe die beiden online-Quellen:

Günther Garbrecht, "Die Bremer Räterepublik von 1918 1919.
www-user.uni-bremen.de/~bremhist/Raeterepublik1918-19.html

Till Schelze-Brandenburg, Die Bremer Räterepublik
http://www-user.uni-bremen.de/~bremhist/Raeterepublik.html