Zurück zur Startseite
23. Dezember 2008

Hilflos in der Krise. Stahlkonzern ArcelorMittal will Tausende Arbeitsplätze abbauen.

Arcelor Mittal Hütte Bremen. Foto: public domain wikipedia

Europäischer Metallgewerkschaftsbund berief Krisengipfel ein

Die Stahlproduktion des Weltmarktführers ArcelorMittal mit Sitz in Luxemburg ist seit Anfang des Monats bundesweit fast auf Null zurückgegangen. Nur um die Hochöfen am Laufen zu halten, werden noch geringe Mengen Walzstahl hergestellt. Die teuren Anlagen könnten sonst Schaden nehmen, erläuterte ein Betriebsrat der ArcelorMittal-Hütte in Bremen gegenüber junge Welt. Zur Wartung heruntergefahrene Hochöfen an anderen Standorten in Europa würden gar nicht erst wieder in Betrieb genommen. Anfang Dezember wurde bei ArcelorMittal Bremen Kurzarbeit angeordnet. Noch Ende September seien die Auftragsbücher voll gewesen, so der Bremer Betriebsrat. Danach sei die Produktion schlagartig eingebrochen.

Konzernumbau geplant

Der indische Stahlkönig Lakshmi Mittal hatte am 16. Dezember bei einem Treffen mit dem europäischen Betriebsrat von ArcelorMittal erklärt: »Sozialer Dialog ist immer wichtig. Ganz besonders jedoch, wenn wir – wie heute – vor großen ökonomischen Herausforderungen stehen.« Tatsächlich aber wolle Mr. Mittal die »gegenwärtige Wirtschaftskrise als Vorwand für ungerechtfertigte, weitreichende Restrukturierungspläne« zu Lasten der Beschäftigten nutzen, werfen ihm die Metallgewerkschafter vor. So will der indische Unternehmer angeblich 6000 seiner europäischen Beschäftigten auf die Straße setzen. Weltweit sollen demnach 9000 Stahlkocher ihren Arbeitsplatz verlieren.

In Deutschland stehen 1500 der 8000 ArcelorMittal-Jobs auf dem Spiel – allein 900 in der Bremer Stahlhütte. Das entspricht ungefähr einem Viertel der dort Beschäftigten. Die Stahlarbeiter können sich dagegen nur schlecht wehren. Denn bei einem Produktionsstopp seien Arbeitskampfmaßnahmen ziemlich sinnlos, heißt es aus Gewerkschaftskreisen bei ArcelorMittal Bremen. Auch das Stahlwerk in Eisenhüttenstadt könnte zu den Verlierern der weltweiten Absatzkrise zählen. Rund 600 von 3000 Arbeitsplätzen könnten dort bald dem Streichkonzert zum Opfer fallen.

Ferien bei Thyssen

Auch in den anderen deutschen Stahlhütten hat die Wirtschaftskrise voll eingeschlagen. Laut Handelsblatt vom 8. Dezember hatten sowohl der größte deutsche Stahlhersteller ThyssenKrupp als auch die Salzgitter AG Anfang des Monats ihre Produktion um 30 Prozent zurückfahren müssen. Nach einem Bericht des Nachrichtensenders n-tv vom Sonntag mußte ThyssenKrupp jetzt sogar seine »Produktionsferien« auf vier Wochen verlängern. Ab Januar müsse ThyssenKrupp dann Kurzarbeit anmelden. Laut n-tv wurde dazu letzte Woche eine Rahmenvereinbarung mit dem Betriebsrat getroffen, die bis Ende September 2009 gelte. Sie betreffe 20000 Beschäftigte, 14000 davon in Duisburg. Im Gegensatz zu ArcelorMittal ist bei ThyssenKrupp und Salzgitter von Stellenabbau noch keine Rede.

Um weiteren Arbeitsplatzabbau zu verhindern, schlägt die IG Metall in ihrem Sieben-Punkte-Programm vor, mit Kurzarbeit statt mit Entlassungen auf die Wirtschaftskrise zu reagieren. Außerdem will die Metallgewerkschaft die Konjunktur beleben. Dazu sollten die Nutznießer des Bankenrettungsfonds verpflichtet werden, mit den Steuermilliarden Investitionen in die Realwirtschaft zu finanzieren. Außerdem verlangt die Gewerkschaft, Konsumschecks von 250 Euro je Einwohner auszugeben.

Der Organisationsbereich der IG Metall, die Metall- und Elektroindustrie, ist bislang am schwersten von der Weltwirtschaftskrise betroffen. Denn Auto-, Maschinen- und Werftenbranche sind extrem exportabhängig und reagieren unmittelbar auf die Weltkonjunktur. Gewerkschafter fordern deshalb seit langem, die deutsche Binnenkonjunktur zu stärken. Doch nach den Feiertagen wird sich der Absatzrückgang ungebremst fortsetzen. Denn außer Absichtserklärungen ist bei Merkels Krisengipfel vor zehn Tagen nichts herausgekommen.
Mirko Knoche

Quelle (mit freundlicher Genehmigung): Junge Welt v. 23.12.08