Am 22.08.08 wurde bekannt, dass die Deutsche Telekom eine große Schließungsaktion bei ihren Call-Centern starten will. Begründung: viele Call-Center wären zu klein; alle Service-Center mit weniger als 225 müssten geschlossen werden. Betroffen von diesen Plänen sind bislang 63 Center in 24 Städten. In Norddeutschland sollen Hamburg, Kiel, Oldenburg und Hannover bestehen bleiben. Schwerin, Lübeck, Osnabrück, Uelzen, Leer und Bremen werden dichtgemacht.
In vielen Städten gab es lauten Protest gegen die Schließungspläne. Auch in Bremen. Am 25.08.08 versammelten sich ca. 100 Mitarbeiter zu einer Kundgebung vor dem Telekom-Gelände und machten ihrem Unmut Luft. Und wurden dabei mit starken Worten vom Bürgermeister Jens Böhrnsen unterstützt.
Leider überhaupt nicht unterstützt wurden und werden die Mitarbeiter in den Bremer Krankenhäusern. Im Gegenteil: der Senat mit Böhrnsen an der Spitze hat gerade einen äußerst brutalen Sanierungsplan beschlossen: nämlich den Abbau von 1000 Vollzeitstellen. Für diese Entscheidung trägt der Senat die ungeteilte Verantwortung. Hier aber ist Böhrnsen ganz leise und drückt sich, mal auf einer Betriebsversammlung Rede und Antwort zu stehen, obwohl er schon häufig und dringend eingeladen wurde.
Gegen die Rationalisierungspläne der Telekom wurde der Bürgermeister dagegen richtig laut und fand vor Presse und Fernsehen starke Worte:
Erstens: Es fehle für diese Entscheidung die betriebswirtschaftliche Logik. (Woher will er das nur schnell wissen?!)
Zweitens aber, und wichtiger: "Das ehemalige Staatsunternehmen muss an seine besondere Verantwortung erinnert werden und die Pläne zurücknehmen".
Den beunruhigten Mitarbeitern auf der Kundgebung, vor allem aber den zahlreichen Journalisten und dem Fernsehen ("Buten un Binnen" am 25.08.08) machte Böhrnsen Mut, dass er das Blatt werde wenden können. Böhrnsen wörtlich: "Die Entscheidung ist ja erst vor wenigen Tagen verkündet worden von der Telekom. Deswegen gibt es solche Signale (die Entscheidung zurückzunehmen) noch nicht. Aber ich gehe davon aus, dass äh diese Entscheidung so offenkundig falsch ist, dass sie keinen Bestand haben wird."
Gut, der Bürgermeister benutzt eine typisch sozialdemokratische Floskel und "geht davon aus". Aber was heißt das konkret? Konkret heißt das, dass Böhrnsen zusammen mit Verdi-Bundesvorstand Lothar Schröder einen Brief an die anderen betroffenen Gemeinden geschrieben hat, in dem es heißt: "Wir möchten Sie dazu gewinnen, in einer gemeinsamen Anstrengung die Deutsche Telekom AG an ihre Strukturverpflichtung für Arbeitsplätze zu erinnern und das Unternehmen zu bewegen, die vorgelegten Schließungspläne aufzugeben... Wir fürchten um Arbeits- aber auch um Ausbildungsplätze, die wir dringend brauchen." Das klingt schon etwas bescheidener.
Das Verhalten unseres Bürgermeisters ist einfach scheinheilig. Da, wo er Entscheidungen (bei den Krankenhäusern) treffen kann und verantwortlich ist, verhält er sich ganz still und hebt seine Hand für den Abbau von Arbeitsplätzen. Da, wo er tatsächlich nichts zu sagen hat, findet er starke Worte. Logisch ist es nicht, von einem Unternehmen, das mit Hilfe der SPD privatisiert worden ist, staatspolitische Verantwortung einzufordern. Logisch ist nur, dass unser Bürgermeister sich mal wieder als fürsorglicher und sozial denkender Landesvater ins Gespräch bringen wollte.
Sönke Hundt