
von links: Salomon, Leo und Benjamin Dzialowski, sowie Zecharya Ruthenberg, zwei Enkel, Urenkel und Ururenkel des 1923 verstorbenen Bremer Rabbiners Leopold Rosenak, vor dem vom Verkauf und Abriß bedrohten Rosenak-Haus in der Bremer Altstadt

vor den Resten der 1938 zerstörten, alten Bremer Synagoge

linkes Bild: Rosenak-Haus, dahinter die 1938 zerstörte alte Bremer Synagoge. Rechtes Bild: Brand der Synagoge am 10. November 1938. Davor das Kolping-Haus, dessen Bewohner vor dem Brand evakuiert und in dem Schläuche verlegt sowie Brandwachen postiert worden waren. Dahinter das unzerstört gebliebene Gemeindehaus, das inzwischen von Verkauf und Abbruch bedrohte Bremer Rosenak-Haus.

linkes Bild: Anzeige der Bremer Passageagentur Friedrich Missler, die Niederlassungen in vielen Orten Osteuropas unterhielt und vor allem um jüdische Flüchtlinge warb. Der Bremer Rabbiner Leopold Rosenak bemühte sich um eine menschenwürdige Unterbringung der Amerika-Auswanderer. Auf dem Rückweg von New York verstarb er 1923 bei einer seiner Inspektionsreisen. Nach ihm benannte die Bremer Gemeinde ihr Gemeindehaus. Rechtes Bild: Salomon Dzialowski, Enkel des 1923 verstorbenen Bremer Rabbiners Leopold Rosenak, vor den Resten der 1938 zertörten, alten Bremer Synagoge. Im Hintergrund das noch vorhandene Schechthaus.
Zum erstenmal nach 70 Jahren und, wie es scheint, gerade noch rechtzeitig bevor das ehemalige jüdische Gemeindehaus, das den Namen ihres Großvaters, des Rabbiners Leopold Rosenak trägt, auf den freien Immobilienmarkt und damit unter die Abrissbagger gerät, haben die heute in London lebenden Enkel Salomon und Leo Dzialowski, begleitet von einem Ur- und einem Ururenkel des Bremer Rabbiners dessen Wirkungsstätte besucht.
Mit Elvira Noa, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde haben sie zunächst den Friedhof in der Deichbruchstraße aufgesucht und dem Grab ihres 1923 auf der Rückreise von New York auf See verstorbenen Großvaters einen Besuch abgestattet.
Leopold Rosenak, 1868 in Nadas in Ungarn geboren, hatte in Bratislava und Berlin studiert, in Bern promoviert, bevor er 1896 als Rabbiner und Prediger an die Israelitische Gemeinde nach Bremen berufen wurde. Im 1. Weltkrieg wirkte er als Feldrabbiner in Litauen und wurde mit dem Eisernen Kreuz und dem Hanseatenkreuz ausgezeichnet. Nach dem Krieg galt seine besondere Aufmerksamkeit dem seit 1901 bestehenden "Bremer Komitee für hilfsbedürftige jüdische Auswanderer", in dessen Auftrag er wiederholt die Unterbringung und Verpflegung der Zwischendeckspassagiere inspizierte. Nicht wenige waren Pogromflüchtlinge aus Polen, der Ukraine und Russland, an deren Anspruchslosigkeit die Reedereien gut verdienten. Auf Rosenaks Anregung hatte nicht nur der Norddeutsche Lloyd auf seinen größeren Dampfern eigens koschere Küchen eingerichtet, sondern auch die Passage-Agentur Friedrich Mißler in ihren Auswandererhallen. In denen mussten die Menschen (1,6 Millionen zwischen 1885 und 1935) oft wochenlang auf die Weiterreise und Einschiffung in Bremerhaven warten. In den Mißler-Hallen, die auch als Polizeikaserne und als Lager des freiwilligen Arbeitsdienstes dienten, richtete im März 1933 Major Walter Caspari, Kommandeur der kasernierten Schutzpolizei - das war in grünen Uniformen das Freikorps-Caspari, das 1919 im Auftrag der Berliner Reichsregierung die Bremer Räterepublik zusammengeschossen hatte - das erste Bremer Konzentrationslager ein. Caspari zu Ehren nennt die Bundeswehr in den 60-er Jahren, gleich nach dem Abzug der britischen Besatzungstruppen, ihre Unterkunft in den ehemaligen Wehrmachtskasernen in Bremens Nachbarstadt Delmenhorst "Caspari-Kaserne" mit entsprechender Widmungstafel, auf der von der "Befreiung Bremens" die Rede ist. Befreiung. Es war Kalter Krieg und in Folge dessen verstand man in Westdeutschland unter "Befreiung" nicht den Sieg der Alliierten über den Hitler-Faschismus sondern die "Befreiung von der kommunistischen Gefahr".
Zusammen mit dem Kaufhausbesitzer Julius Bamberger, Erbauer des ersten Hochhauses in Bremen, und unterstützt von Emil Felden, sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter und Pastor an St. Martini, der großen, backsteingotischen Kaufmannskirche, die wie eine Reihe Packhäuser am Ufer der Weser liegt, in dessen Pfarrhaus der junge Friedrich Engels während seiner Bremer Lehrlingsjahre logierte, trat Leopold Rosenak im "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" beherzt den immer dreister auftretenden Antisemiten entgegen. Gemeinsam gaben sie den "Anti-Anti" heraus, eine in hoher Auflage über den Berliner Philo-Verlag vertriebene Lose-Blatt-Sammlung "zur Abwehr" und Richtigstellung vieler der oft an den Haaren herbeigezogenen aber durch ständige Wiederholung scheinbar eingängigen Argumente vaterländischer und völkischer Eiferer. Ein handliches und nützliches Hilfsmittel bei Veranstaltungen mit öffentlichen Diskussionen.
Eine solche Auseinandersetzung, bei der es - wie so oft - nicht beim Austausch von Argumenten blieb, beschreibt Emil Felden in seinem autobiographischen Roman "Die Sünde wider das Volk": "Weinberg [Bamberger?] führte den Vorsitz der Versammlung. Als er sie eröffnete, brüllte es aus der Masse heraus: „Judenbengel“. Er gab Friedrich," einem, wie Felden aus Elsass-Lothringen stammenden Theologen, "das Wort. Ständig wurde dieser durch Zwischenrufe in seinen Ausführungen unterbrochen. Trotzdem konnte er eine ganze Zeit sprechen. Wie nötig es sei, gerade jetzt a l l e Kräfte zusammenzufassen, die dem Aufbau des Volkes dienen könnten; ein Verbrechen am Volk bedeute es, einen Teil der Deutschen zurückzustoßen, weil sie Juden seien. Als er aber auf die antisemitischen Verdrehungen über den Talmud zu sprechen kam, entstand ein furchtbarer Tumult. Mit Knüppeln bewaffnete Hakenkreuzler drängten zur Bühne, Arbeiter sprangen dazwischen, und bald kam es zum Handgemenge. Während sich unten dies abspielte, drangen von der Seite aus neue Hakenkreuzler auf die Bühne und umringten Friedrich. Wieder sprangen Arbeiter auf, den Redner zu schützen. Eine wüste Hauerei entstand. Einer der Jünglinge fasste die große Glocke und schwang sie als Waffe in der Hand. Gellend durchdrang ihr Geläute den Saal. Man versuchte sie ihm zu entreißen. Da schleuderte er sie mit aller Kraft gegen Friedrich. An der Stirn getroffen brach der lautlos zusammen ..." Feldens Roman war eine Antwort auf Arthur Dinters in Riesenauflage unters Volk gebrachte völkische "Sünde wider das Blut".
Dem Andenken ihres Rabbiners Rosenak widmeten die Bremer Juden ihr Gemeindehaus in der heutigen Kolpingstraße. Es beherbergte neben Hausmeisterwohnung und Büro die Gemeindeschule und einen Betraum, die "kleine Synagoge". Direkt nebenan war die große. Die fiel dem Pogrom in der Deutschen Schandnacht am 9. November 1938 zum Opfer, das Rosenak-Haus steht dagegen bis heute, ist wegen seiner attraktiven Lage am Rande des bei Touristen beliebten Schnoorviertels mit seinen winzigen Fischer- und Handwerkerhäusern jedoch akut vom Abriss bedroht.
In aller Stille hatte der katholische Gemeindeverband das Kolpinghaus, errichtet über der Ruine der Synagoge, und das Rosenak-Haus schon vor zwei Jahren verkauft. „Um viel Geld,“ sei es bei dem Geschäft gegangen, betonte Propst Ansgar Lüttel, mehr als nach seinem Dafürhalten die Jüdische Gemeinde hätte locker machen können. Und deswegen hatte er auch deren Vorsitzender gegenüber, trotz regelmäßiger Zusammenkünfte, kein Sterbenswörtchen über den lange geplanten Verkauf geäußert. Vom Bauordnungsamt war anstandslos eine Abbrucherlaubnis erteilt worden.
Carl Katz und Max Plauth, Vorsitzende des Häufleins Bremer Juden, die nach der Shoa in die alte Heimat zurückgekehrt waren, hatten die Grundstücke 1954 an den katholische Gemeindeverband verkauft, der in der Nachbarschaft schon andere Grundstücke besaß. Ein Notverkauf. Kaum jemand hatte sich angesprochen gefühlt als der sozialdemokratische Bürgermeisters Wilhelm Kaisen in ganzseitigen Zeitungsanzeigen um Spenden zum Wiederaufbau der Synagoge warb. Jedenfalls reichte der Erlös der Sammlung gerade mal zur Instandsetzung der teilweise eingestürzten Friedhofsmauer. Die Ruine der Synagoge und das benachbarte Rosenak-Haus verursachten weitere Kosten, ohne von der winzigen jüdischen Gemeinde genutzt werden zu können. Schließlich drängte auch der Senat, die Grundstücke lieber zu veräußern und den Erlös für einen Neubau weit außerhalb des Zentrums mit reichlich Sicherheitsabstand zu Nachbargebäuden zu verwenden.
Ruchbar wurden die Abrisspläne 2006, weil eine Studentin in einer Versammlung der Kommunistischen Partei berichtet hatte, dass ihrer Freundin und allen anderen Bewohnern des Kolpinghauses das Zimmer gekündigt worden sei. Nachfragen beim Geschäftsführer des katholischen Gemeindeverbandes und, als der auf seine Pflicht zur Verschwiegenheit verwies, beim obersten Seelenhirten der Bremer Katholiken: „ein heikles Thema, ein sensibles Thema ...“ und in Folge dessen ein umgehend veröffentlichtes Flugblatt veranlasste einen Stadteilpolitiker der Grünen-Partei zu einer Anfrage im zuständigen Stadteilbeirat. Der wandte sich einstimmig an den Denkmalpfleger, der daraufhin zumindest den noch vorhandenen Keller der ehemaligen Synagoge zum geschützten Baudenkmal erklärte. Das beantwortete der Erwerber, ein Bauunternehmer, mit dem Rücktritt vom Kaufvertrag.
Inzwischen ist das Kolpinghaus abgerissen, die Kellergewölbe sind notdürftig mit Planen abgedeckt, nur das Schechthaus steht noch und das Rosenak-Haus. Vorläufig hat der katholische Gemeindeverband das Gebäude der Bremer Arbeitslosenselbsthilfe und einem inzwischen gegründeten Verein zur Nutzung überlassen. Der hat, aus EU-Projektmitteln und einem Zuschuss vom Leo-Baeck-Institut befristet gefördert, mit drei Kulturwissenschaftlerinnen Schüler der verschiedensten Bremer Schulen vom Rosenak-Haus aus bei Besichtigungen und Ausflügen begleitet. Zusammen mit den Lehrern, aber auch in kleinen Gruppen suchten sie nach Orten an denen erzählte und erlesene Geschichte sichtbar, anfassbar und so begreifbar gemacht werden konnte.
So haben etliche Bremer Schulklassen schon Patenschaften für Stolpersteine vor Häusern von Mordopfern der Faschisten übernommen. Nicht nur das Geld für die Verlegung haben sie gesammelt, sondern auch Informationen für Mitschüler und Nachbarn zusammengetragen und sich zur regelmäßigen Reinigung verpflichtet. Zuletzt haben drei Klassen unterschiedlicher Jahrgänge und aus verschiedenen Stadtteilen, eine davon mehrheitlich muslimische Kinder, eine beachtliche Ausstellung über die Geschichte der Bremer Juden erarbeitet. Mehrmals konnten Begegnungen organisiert werden zwischen Schülern und ehemaligen Bremern, die bei ihrer Flucht nicht älter waren als die Jungs und Mädchen, die sie jetzt im Rosenak-Haus ausfragten. Besonderen Eindruck machte Herbert Goldschmidt, jetzt lebt er in Südafrika, den die Kinder mit der Video-Kamera durch Bremen begleiteten. Er zitierte seinen Vater: „Wir Juden sind durchs Rote Meer gekommen - Ihr kennt die Geschichte? - Wir werden es auch noch durch die Braune Scheiße schaffen.“
So konnte der Verein jetzt auch die Enkel, Ur- und Ururenkel von Leopold Rosenak im Bremer Rosenak-Haus willkommen heißen. Erstaunt erfuhr der 85-jährige Salomon Dzialowski, der das Schriftsetzerhandwerk erlernt und in London eine eigene Buchdruckerei betrieben hat, dass Samuel Gollancz, der Großvater des berühmten englischen Verlegers und Gründers des sozialistischen Left Book Club Sir Victor Gollancz, ein Vorgänger seines Großvaters im Predigeramt der Bremer Israelitischen Gemeinde war. Es stellte sich aber auch heraus, dass die Mutter von Leo und Salomon Dzialowski, Zilli Rosenak, die in Bergen-Belsen umgekommen ist, nicht im „Erinnerungsbuch für die als Juden verfolgten Einwohner Bremens“ verzeichnet ist. Vermutlich, weil sie schon 1919 als 19-jährige nach Leipzig geheiratet hatte. „Unser Vater war ein hoch dekorierter Bataillonsarzt“, erinnert sich Salomon Dzialowski, „zum Dank haben sie unsere Mutter und viele Verwandte umgebracht.“
Der Vereinsvorsitzende und der Vorsitzende der Bremer Naziverfolgten (VVN) begleiteten die Besucher, die 1938 mit ihrer Schwester Hella in einem der ersten Kindertransporte nach England kamen und seitdem nie wieder in Deutschland waren, nicht nur in die neue Synagoge im feinen Bremer Stadtteil Schwachhausen, sondern auch in das Arbeiterviertel Gröpelingen. Dort gibt es inzwischen nicht nur eine Rosenak-Straße, sondern auch das wunderschöne ehemalige jüdische Altersheim, aus dem die Bremer Nazis eine Polizeiwache gemacht hatten und das heute, weil es nach dem Krieg ebenso verkauft werden musste wie die Ruine der alten Synagoge und das Rosenak-Haus, als Privathaus eine Anwaltskanzlei beherbergt, und viele Geschichten über den Widerstand der Werft- und Hafenarbeiter. Noch am selben Abend traten die Gäste den Rückflug nach London an. Sie wollen wiederkommen, wenn der Steinmetz den verwitterten Grabstein ihres Großvaters restauriert hat. Alle hoffen, dass es das Rosenak-Haus dann noch gibt.
Der katholische Gemeindeverband hat dem Verein das Haus zum Kauf angeboten. Für zweihunderttausend Euro, das ist deutlich unter Marktwert. Die Hansestadt Bremen hat darüberhinaus einen Zuschuss von dreihunderttausend für den behindertengerechten Umbau versprochen, aber nur wenn - und da liegt der Hund begraben - der Verein oder ein anderer Träger „ein langfristig belastbares Konzept“ vorlegen kann, das sicherstellen muss, dass die Stadt unter keinen Umständen zur Zahlung irgendwelcher Folgekosten herangezogen werden könnte. Doch der Verein ist mangels Eigenkapital nicht kreditwürdig und das Einwerben von Fördermitteln und -beiträgen erfordert neben Geduld vor allem eine langfristige Perspektive. Sollten die Bemühungen - zur Zeit laufen Verhandlungen mit einem möglichen Investor, der das Rosenak-Haus an den Verein vermieten, aber auch daran verdienen will - nicht in den nächsten Wochen erfolgreich abgeschlossen sein, will der katholische Gemeindeverband am 1. September „die Türschlösser auswechseln“.
Kontakt:ROSENAK-HAUS@t-online.de
Baruch Barach
Fotos vom Autor
Kurzfassung des Artikels in der Jungen Welt v. 26.08.08: "Bremer Synagoge von Abriß bedroht"
Kurzfassung des Artikels in der Jüdischen Allgemeinen Nr. 32/2008