Zuerst spielte die Musik "All Of Me" und "I Found A New Baby" im Dixilandstil der späten 50er. Einige Jüngere meinten zwar, etwas Schwermetall hätte sich auch nicht schlecht angehört. Aber das sind eben kulturelle Unterschiede in den Musikgeschmäckern. Die meisten, wie man auf den Fotos sieht, wippten schon angeregt mit den Füßen, als dann die Kandidatinnen und Kandidaten in voller Schönheit vorgestellt wurden.
Vor dem Auftritt der beiden politischen Schwergewichte aus Berlin, zog Monique Troedel, Spitzenkandidatin der Linken, die traurige Bilanz von zwölf Jahren gescheiterter Sanierungspolitik in Bremen. In einer kämpferischen Rede nahm die engagierte Gewerkschaftlerin Partei für die Verlierer der neoliberalen Hegemonie. Viele Bremerinnen und Bremer seien unverschuldet „nicht mehr drin“ in dieser Gesellschaft. Hartz IV sei nicht nur ungerecht, sondern auch unmenschlich. Deshalb müsse vorhandene Arbeit auf mehr Menschen verteilt werden. „Für mich ist Arbeitszeitverkürzung das wichtigste Instrument, um Arbeitslosigkeit zu verringern. Armut von Menschen und von Kindern kann und will ich nicht hinnehmen. Hier muss etwas geschehen.“, so Monique Troedel. Besonders betroffen von dieser ungerechten Politik seien allerdings Frauen. Neben Arbeits-, Tarif und Sozialpolitik werde sie deshalb die Gleichstellungspolitik in den Mittelpunkt ihrer parlamentarischen Arbeit stellen. Gleichstellungspolitik bedeute für sie eine Querschnittsaufgabe durch alle Politikfelder und nicht ein Nebenschauplatz „Abteilung Frauenfragen“. Die LINKE werde dem Widerstand gegen den neoliberalen Wildwuchs in der Landes- und Kommunalpolitik eine parlamentarische Stimme geben. „Wir treten in der Bürgerschaft gegen den weiteren Sozialabbau an, gegen die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen und gegen verschwenderische Prestigeprojekte.“

Live on stage: Jost Beilken, Monique Troedel,
Klaus-Rainer Rupp, Peter Erlanson (v.l.n.r.)
Als Oskar Lafontaine den Marktplatz betrat, wurde zuerst vor dem alten Roland zu Bremen ein Gruppenbild aufgebaut und abgelichtet. Überraschend sicher für viele, wie klein unsere beiden Superstars neben ihren Bodyguards sind, wobei Gregor noch ein bißchen kleiner als Oskar ist. Aber daß es darauf überhaupt nicht ankommt, merkte jeder, als Oskar dann mit seiner Rede loslegte, die es wieder in sich hatte: brillant, abwechslungsreich, stellenweise lustig und unterhaltsam, meistens aber ernst und eindringlich verknüpfte er Informationen, Analyse und Kritik in einer Weise, die einmalig ist. Niemand kann es wie er, komplexe Dinge so auf den kritischen Punkt zu bringen. Politische Rhetorik vom besten!
Gregor Gysi steht ihm da im allgemeinen nicht nach, hatte es dieses mal aber deutlich schwerer, weil er erstens der zweite war, dem Oskar schon viel vorweggenommen hatte, und weil zweitens die Domglocken plötzlich anfingen, ihm dazwischen zu läuten und aus dem rednerischen Takt zu bringen. Zwei ältere Bremerinnen, die sich auskannten, sagten gleich, dass die Domglocken das jeden Tag sechs Minuten lang bis eine Minute nach sechs machten, und dass die Organisatoren das eigentlich hätten wissen müssen. Hatten sie aber nicht.
Während der Wahlveranstaltung sickerte durch, dass auch in Bremen die Polizei Durchsuchungen gegen G8-Gegner machte und eine kleine Protestdemo auf dem Weg zum Marktplatz war. Peter Erlanson berichtete kurz darüber und bot der Demo das Mikrophon auf dem Marktplatz für einen Bericht an. (sh/ms)