Wir sind zwar alle Bürger und Bürgerinnen, aber wir gehören nicht alle zum Bürgertum. An diese einfache Wahrheit wurden die Besucher des "Wahlforums" erinnert, zu dem der Weser Kurier in die Glocke eingeladen hatte. Auf dem Podium die Spitzenkandidaten von CDU, SPD, Grünen und FDP. Warum wir, DIE LINKE keine Einladung erhalten hatten? Volker Weise, Chefredakteur des Weser Kuriers, begründete das so: er habe nur Parteien eingeladen, die nicht vom Verfassungsschutz beobachtet würden. Aha. Eigentlich meinte er aber, dass er eine richtige Opposition bei dieser Veranstaltung nicht dabei haben wollte.
Wenn man vom Habitus und von der Verteilung des Beifalls der Besucher der Glocke auf ihre Herkunft schließen kann, war das "Schwachhausener Milieu", darunter auch wahrscheinlich viele der bekanntlich recht zahlreichen Bremer Millionäre, ziemlich unter sich. Es zerfiel aber in eine CDU-, SPD-, Grüne- und FDP-Fraktion, wobei die CDU den stärksten Beifall zustande brachte, wenn ihr Vertreter, Thomas Röwekamp, seine Positionen erklärte.
Einige Punkte waren doch ganz interessant. Für die "soziale Frage" an sich war das Interesse gleich Null. Für die innere Sicherheit - Röwekamps Thema - dagegen sehr groß. Die kaltschnäuzige Schlussfolgerung war im Saal deutlich zu spüren: von Interesse ist, dass die "soziale Frage" ja nicht zu einem Sicherheitsproblem wird. Der Vorschlag für eine Personalaufstockung der Polizei wurde also mit viel Beifall bedacht. Der Hinweis von Böhrnsen, dass auch andere Bereiche des öffentlichen Dienstes unter Personalmangel zu leiden hätten (Schulen, Kindergärten, soziale Dienste, Feuerwehr ...) wurde eher mit schweigender Ablehnung quittiert. Deutliches Räuspern gepaart mit starken Unmutsäußerungen wurden aber laut, als von ihm auch der Personalmangel der Finanzbehörden angesprochen wurde. Mehr Steuer- und Betriebsprüfungen - das fand dieses Publikum dann doch sehr überflüssig.
Interessant war weiterhin das sehr zielgruppenspezifische Reden und Verhalten von Böhrnsen. Auf der Personalversammlung der Lehrer im Pier 2 konnte man ihn noch sehr engagiert erleben als einen Bürgermeister, dem vor allem die Sorgen der Kinder (und auch der Lehrer) am Herzen liegen. Von Schulen, Kindergärten, dem Untersuchungsausschuss "Kindeswohl", Mindestlohn usw. war in der Glocke nichts zu hören, von Weltstadt, boomender Wirschaft, brummenden Häfen, klugen Investitionsentscheidungen und der Attraktivität des Standortes Bremen für Investoren dagegen viel.
DIE LINKE war also nicht eingeladen; sie hätte auch im Saal keinen Blumentopf gewinnen können. So hatte sie sich klugerweise vor der Glocke mit Schreibtisch und großem roten Regenschirm aufgebaut. Und die Kandidatinnen und der Kandidat verteilten ihre Argumente und diskutierten eher mit den Passanten auf der Domsheide als mit den Glocke-Besuchern. (sh)