Heute, am Tag der offenen Tür, unternimmt der Verein Freie Schule Körnerwall wieder einen Versuch, für sein Ziel zu werben: die Schule wieder zu eröffnen. Sie existierte schon lange, aber unangemeldet und illegal. Als die Eltern sie legalisieren wollten, wurde die Behörde erst richtig darauf aufmerksam und versagte die Genehmigung.
Das Konzept dieser Privatschule wird sehr kontrovers - auch unter den LINKEN - diskutiert und wirft einen Haufen Fragen auf. Erst einmal klingt alles nur gut und sympathisch, was die Freie Schule über ihre Ziele und Methoden sagt:
Also pädagogisches Paradies auf Bremens Erden? Das Richtige im Falschen wenigstens für die Kleinen? Spontan ergeben sich unausweichlich zwei Fragen:
Der Verein Freie Schule Körnerwall weist den Vorwurf der Selektion vehement zurück. Wichtig sei den Eltern, so im Artikel des Weserkuriers vom 17.01.08, "dass die Schule für alle offen ist, unabhängig vom finanziellen, sozialen, gesundheitlichen und kulturellen Hintergrund".
Allein, es fehlen dafür glaubhafte Argumente. Wie will man denn das alles auf eine Reihe kriegen: kleine Klassen, private Finanzierung und die bunte Mischung der "normalen" mit armen, behinderten und Kindern mit Migrationshintergrund?
In einem sehr kritischen Artikel mit dem Titel "Schule am Körnerwall - So einfach ist das nicht" von Hermann Tietke in der Bremer Lehrerzeitung der GEW legt dieser den Finger in die Wunde:
"Das Grundgesetz und die Bremische Landesverfassung gelten für alle Bürgerinnen und Bürger, ob in Bremen-Nord oder im „Viertel“, sowohl für strenggläubige Eltern als auch für Eltern mit alternativpädagogischen Vorstellungen. Die bremische Schullandschaft bietet viele Möglichkeiten, dem Rechnung zu tragen, z.B. auch durch Elternengagement in den jeweiligen Schulen und durch ergänzende Maßnahmen in der Freizeit der Kinder. Wer mehr will, kann sich im gesellschaftlichen Diskurs und in politischen Gremien für weitergehende Veränderungen einsetzen...
Die zahlreichen Bildungssystemstudien der letzten Jahre (wie PISA u. a.) zeigen, dass das deutsche Schulwesen seine größten Mängel darin hat, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen enorm negativ ausgeprägt ist, dass früh Selektionsmechanismen greifen, die nur schwer oder gar nicht mehr ausgeglichen werden können. Immer stärker hat sich in Politik und Wissenschaft die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir ein längeres gemeinsames Lernen benötigen, um allen Kindern in dieser Gesellschaft gerechte Bildungschancen zu ermöglichen. Unbestritten sind wir von der Umsetzung noch ein gutes Stück entfernt. Viele Privatschulinitiativen erschweren eine solche Entwicklung, weil durch das Herauslösen von Kindern aus bildungsnahen Elternhäusern aus dem öffentlichen Schulwesen viel Potenzial und Kreativität herausgenommen wird, was nicht ohne Folgen für die dortige Qualität und Zementierung von ungleichen Bildungschancen bleiben wird. Wenn nun gesagt wird, eine Schule Körnerwall wolle alle Kinder, egal welcher sozialer Herkunft, Nationalität, mit Migrationshintergrund oder körperlichen Handicaps aufnehmen, was hindert die Befürworter, dies in ihrem Stadtteil, mit allen Eltern und Kindern z.B. in der Schule Lessingstraße, in der Schmidtstraße oder in der Schule Bürgermeister-Smidt-Schule zu gestalten?
Auch aus der Sicht der betroffenen Kinder halte ich den bekanntgewordenen praktizierten Ansatz für falsch. Die Auseinandersetzung mit anderen Kindern aus anderen Zusammenhängen, auch aus Elternhäusern mit anderen (oder gar keinen) pädagogischen Ansätzen ist für die Konfliktfähigkeit und Reflexion über sich und seine eigene Rolle in dieser Gesellschaft und im Umgang mit anderen wichtig.
Deshalb plädiere ich aus diesen drei Gründen dafür, die Angebote der öffentlichen Schulen im Stadtteil zu nutzen und sich als Eltern im gleichen Umfang einzubringen wie zuvor."
(vgl. dagegen den Artikel von Katharina Krebs in der gleichen Ausgabe)
Eine gemeinsame Grundschule für alle Kinder ist ein hoher Wert in dieser Gesellschaft und wird vom Grundgesetz geschützt. Es sind nur wenige Ausnahmen zugelassen: nämlich konfessionell oder weltanschaulich gebundene Schulen (wie die grosse katholische St. Johannis-Schule) und Schulen mit einem besonderen pädagogischen Konzept. Genau das aber wird der Freien Privatschule bestritten. In vielen Schulen gibt es heute Projektarbeit; in vielen Schulen wird in den ersten Jahren auf Notengebung verzichtet; in vielen Schulen experimentieren Lehrerinnen und Lehrer, das Lernen durch eigene Erfahrungen zu vermitteln; in vielen Schulen arbeiten engagierte Eltern mit Zeit mit.
Der Unterschied zwischen den öffentlichen Schulen und dem Konzept der neuen Privatschule ist nicht qualitativ sondern quantitativ. Kleine Klassen, das ist das Zauberwort. Und die können sich die öffentlichen Schulen ganz einfach nicht leisten. Insofern ist das Konzept am Körnerwall ein richtiger Tritt in die Kniekehlen von Lehrerinnen und Lehrern, Eltern und Kindern an öffentlichen Schulen, die sich den Wunsch nach kleinen Klassen eben nicht erfüllen können, weil sie mit ganz anderen Verhältnissen fertig werden müssen. Und das sind: zu grosse Klassen, unzureichende Ausstattung der Schulen, Überlastung der Lehrer, Armut bei Kindern und Eltern usw.
Was die "Freie Schule am Körnerwall" will, liegt leider voll im Trend. So schreibt die Süddeutsche Zeitung (vom 22.10.07) in diesem Zusammenhang:
"Dass der Verein Freie Schule Bremen weiter für eine neue alternative Grundschule kämpft, liegt im Trend. Die Zahl der Privatschulen und -schüler steigt jährlich. In Hamburg hat die Sängerin Nena mit solch einem Projekt für Schlagzeilen gesorgt, Fernsehmoderator Jörg Pilawa und seine Frau haben ebenfalls eine Grundschule gegründet. "Vielleicht fehlt uns so ein Name", sagt Gustav Schmitz, die Bremer haben nur ihre Idee zu bieten vom klassenübergreifenden, sechsjährigen eigenständigen Lernen mit großer Sozialkompetenz. Vieles davon kennen die Kinder vom Körnerwall schon."
Überhaupt boomt der Sektor der Privatschulen. Der Trend folgt einer ebenso einfachen wie teuflischen Logik: je schlechter das öffentliche Bildungssystem wird, je mehr Geld ihm entzogen wird, desto eher sind Eltern, die sich das leisten können, bereit, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken. Und umgekehrt: damit Bildungsunternehmen Geld verdienen können, muss dem Staat immer mehr Geld entzogen werden, damit die öffentlichen Schulen immer schlechter werden. Unterrichtsausfall, schlechte PISA-Ergebnisse, unzureichende Ganztagsangebote, demotivierte Lehrer ... Das sind die Meldungen, die von den Privatschulen ausgesprochen gern gehört werden, weil sie damit bei ihrer Klientel ebenso ungeniert wie massiv werben können.
Zur Zeit liegen bei der Bildungsbehörde sieben Anträge auf neue Privatschulen; zwei seien bereits genehmigt worden. Über zwei weitere wolle die Behörde noch nichts sagen, weil sie sich noch in der Öffentlichkeit zurückhalten wolle. Laut Taz sind das
Privatschulen sind in Bremen nicht neu. So existieren schon das ökumenische Gymnasium in Oberneuland, die Freie Evangelische Bekenntnisschule, die katholische St.-Johannis-Schule, die International School of Bremen und die Waldorfschule. Die Bekenntnisschule hat schon einen weiteren Standort in der Vahr, die St.-Johannis-Schule für die Oberstufe das repäsentative alte Postamt in bester Lage an der Domsheide eröffnet, das Evangelische Gymnasium startet demnächst in der Innenstadt.
Merke: Es ist verständlich, wenn Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Natürlich wollen sie das. Es ist auch die Angst vieler Eltern verständlich, dass ihre Kinder vom öffentlichen Schulsystem nicht mehr ausreichend für den mörderischen "rat race" der Stellen- und Berufskonkurrenz vorbereitet werden. Aber diese Angst haben alle. Wie wir wissen, ist das jetzige Schulsystem schon hoch selektiv, weil Eltern von den ärmeren in die wohlhabenderen Stadtteile drängen. Privatschulen verstärken diese Selektivität enorm. Den Privatschulen kann man eben kein progressives Mäntelchen umhängen, auch wenn ihre gebildeten und betuchten Eltern sich noch so anstrengen. (sh)