Am 9. November 2007 gedachten rund 50 Bürgerinnen und Bürger des Bremer Westens am ehemaligen jüdischen Altenheim in der Gröpelinger Heerstraße 167 der Jüdinnen und Juden, die vom 9. auf dem 10. November 1938 der Reichspogromnacht der Nazis zum Opfer fielen. In dieser Nacht drang die SA in das Haus ein, zerstörte das Inventar, misshandelten und erniedrigten die dort lebenden älteren Bewohnerinnen und Bewohner und warfen sie auf die Straße. Erst nach massivem Einspruch eines Arztes dürften die Frauen und Männer in ihr Haus zurückkehren. In der Folgezeit mussten bis zu 130 Menschen in diesem Gebäude auf engstem Raum leben. 1942 wurden die letzten 68 Heimbewohner in das KZ Theresienstadt deportiert. Nur zwei frühere Mieter kehrten nach der Befreiung im Mai 1945 wieder nach Bremen zurück.
Viele Parteienvertreterinnen und -vertreter legten vor der am Haus angebrachten Gedenktafel Kränze ab. Für die LINKEN im Bremer Westen legte ihr Kreisvorsitzender Michael Horn ein Blumengebinde nieder. Dem Kommunalpolitiker ist es wichtig, auch 69 Jahre nach den Übergriffen an diese abscheulichen Taten zu erinnern. „Gerade im Bremer Westen, wo heutzutage rechtsradikale Parteien immer wieder versuchen, Fuß zufassen, ist es wichtig, deutlich Position gegen Antisemitismus, Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit zu beziehen.“ Er wies darauf hin, dass vor einem Jahr die NPD versucht hat, an diesem historischen Gebäude vorbei zu demonstrieren. „Ein klarer Affront und eine Verhöhnung gegenüber aller faschistischer Opfer. Dank der Bürgerinnen und Bürger aus dem Bremer Westen und vieler Menschen auch außerhalb des Stadtteils gelang es, die NPD davon abzuhalten. Damals wie heute ist es wichtig, alle Anstrengungen zu unternehmen, dass das Klima der gegenseitigen Toleranz und Achtung nicht untergraben wird. Solche Ereignisse dürfen sich nicht wiederholen!“ Die Bürgerschaftsfraktion der LINKEN wurde durch ihre Vorsitzende Monique Troedel vertreten, Michael Lassowski war für den Landesvorstand anwesend.
Im Anschluss an der Kranzniederlegung, gedachte Raimund Gaebelein, Fraktionssprecher der LINKEN im Gröpelinger Beirat auf der Gedenkfeier der vielen Opfer der NS-Diktatur. Gaebelein, der auch Landesvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) ist, organisierte zahlreiche Gedenkveranstaltungen im November. Ihm ist wichtig, dass nicht nur über die Täter berichtet wird. „Gerade die Opfer dürfen nicht in Vergessenheit geraten!“ In seiner Rede erinnerte er so auch an den Kaufmann Hermann Littmann, der gemeinsam mit seinem ältesten Sohn Chiwa ein Heringsgroßhandelsgeschäft mit 7 Mitarbeiterinnen betrieb. Gemeinsam mit seiner Familie wurde Littmann im Spätherbst 1938 von der Polizei ausgewiesen. Bargeld, Schmuck und das Sparkassenbuch wurden beschlagnahmt, das Geschäft enteignet. An ihn und seine Familie erinnern jetzt auch Stolpersteine in der Johann-Kühn-Straße.
Viele Veranstaltungen fanden rund um dem 9. November in Bremen statt:
Am 9. November gedachten ab 17 Uhr am ehemaligen jüdischen Altenheim an der Gröpelinger Heerstraße 167/Ecke Morgenlandstraße der Jüdinnen und Juden, die vor 69 Jahren dem Pogrom zum Opfer fielen. Bei der Veranstaltung sprachen Barbara Wulff und Raimund Gaebelein. Im Anschluss führte ein Mahngang an den Stolpersteinen in der Buxtehuder Straße 9 vorbei zur Johann-Kühn-Straße 24, um dort der Familie Littmann zu gedenken. Um 18.30 Uhr liest Raimund Gaebelein in der Stadtbibliothek West, Lindenhofstraße 53, aus der Broschüre "Mantel des Schweigens". Am 10. November fand von 14 bis 16 Uhr ein antifaschistischer Stadtrundgang durch Gröpelingens Lagerlandschaft statt.
Ausgangspunkt ist das Zwangsarbeiterdenkmal am Ende der Straße Schwarzer Weg (ehemals Tirpitz-Kaserne). Dort brachte man Niederländer und Belgier unter, darunter den 31-jährigen Homme Hoekstra. Am 11. November gab es um 11 Uhr im Nachbarschaftshaus Ohlenhof einen Filmvortrag über die SS-Razzien im flämischen Meensel-Kiezegem im August 1944. Damals wurden 98 Dorfbewohner zum Verhör durch die Gestapo nach Löwen und Brüssel gebracht, 71 in einem ersten Transport nach Neuengamme verschleppt.
Mit einer Performance erinnerten der Künstler Joachim Fischer und die Studentin Petra Klatte am 9. November um 20 Uhr im Kulturhaus Pusdorf, Woltmershauser Straße 444, an die so genannte Reichspogromnacht. Im Anschluss an die Performance bestand die Möglichkeit zur Diskussion.
Biographie über Ludwig Quidde wurde vorgestellt
BREMEN/BERLIN. Ludwig Quidde (1858-1941) ist der einzige Friedensnobelpreisträger, der aus Bremen stammt. Der Historiker, Publizist und Politiker wurde 1858 in Bremen geboren und besuchte hier das humanistische Alte Gymnasium. Prof. Dr. Karl Holl (Universität Bremen) hat im Frühjahr 2007 eine Biographie über Ludwig Quidde veröffentlicht, die am 8. November um 18 Uhr in der Bremer Landesvertretung in Berlin vorgestellt wurden. Bürgermeister Jens Böhrnsen sprach Grußworte, die Laudatio hielt Prof. Dr. Hans Kloft. Der hanseatische Großbürgersohn Ludwig Quidde war lange Jahre unbestrittener Führer der deutschen Friedensbewegung. 1927 erhielt er den Friedensnobelpreis für seine Leistungen als treibende Kraft in der deutschen Friedensbewegung. Für den Pazifismus engagierte er sich etwa als langjähriger Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) sowie Teilnehmer an und Redner bei verschiedenen internationalen Friedenskongressen. Zudem war er Organisator des 16. Weltfriedenskongresses 1907 in München. Die NS-Herrschaft zwang Quidde zum Exil in die Schweiz. In der Veranstaltung soll nicht nur an Quidde erinnert, sondern auch die Aktualität seiner politischen Positionen hinterfragt werden.
Bremer Friedensforum