20. Dezember 2011

Zum „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“

Europäische Frauenlobby fordert europäischen Aktionsplan

Die Redaktion dokumentiert an dieser Stelle ein Grußwort von Cornelia Petmecky, Landesvorstandmitglied der Partei DIE LINKE in Bremen, zum „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“. (Rede im Rahmen der Stadtfrauenkonferenz Bremen, Frauenpolitischer Brunch im Verein Birati)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde

Mein Name ist Cornelia Petmecky und ich spreche heute als Vorstandsmitglied und Sprecherin der Frauen AG der Partei DIE LINKE in Bremen im weitesten Sinn über das Thema der „Häuslichen Beziehungsgewalt“. Gewalt gegen Frauen findet in allen Bereichen des Lebens statt, ob in der Öffentlichkeit, im Arbeitsleben oder in Partnerschaften. Auch in Deutschland, auch in Bremen. Sie reicht von anzüglichen Witzen, über Tätscheleien bis hin zu brutalen körperlichen Übergriffen. Jede dritte Frau im Alter von 16 bis 85 Jahren hat im Verlauf ihres Lebens mindestens einmal körperliche und/oder sexuelle Übergriffe durch einen Beziehungspartner erlebt. Gewalt gegen Frauen ist das weltweit verbreiteteste Menschenrechtsproblem.

Vor wenigen Wochen gab der Bremer Senat den 5. Bremer Gewaltbericht der Bürgerschaft zur Kenntnis. Daraus möchte ich heute zitieren:

Nach den in Bremen zur Verfügung stehenden Zahlen trifft Gewalt im sozialen Nahraum in erster Linie Frauen und ihre Kinder, die Täter sind in der Regel Männer, vor allem Partner oder Ex-Partner. Frauen sind in Beziehungen häufig von schwerer Gewalt betroffen und das über Jahre; sexualisierte Gewalt wird fast ausschließlich von Männern ausgeübt.

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter. Frauen und Kinder erleben körperliche Gewalt, Beschimpfungen, Demütigungen und Bedrohung, Isolierung, finanzielle Gewalt, Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch oder sexuelle Nötigung. Und das vor allem dort, wo sie leben, wohnen, arbeiten oder eine Ausbildung machen. Dort wo Frauen also Vertrauen und Geborgenheit erwarten, erleben sie Gewalt.

Häusliche Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und betrifft alle gesellschaftlichen Gruppen unabhängig von Herkunft, sozialer Schicht, Kultur oder Bildungsstand. Frauen mit Migrationshintergrund, insbesondere türkische Frauen, sind im Kontext von Trennung und Scheidung besonders gefährdet: sie erleben in ihrer aktuellen Beziehung überdurchschnittlich häufig schwere körperlich Gewalt in Kombination mit psychischer und auch sexueller Gewalt. Was ich in diesem Bericht nicht gefunden habe, was aber auch genannt werden muss, ist die Gewalt gegen Menschen mit Behinderung. 

Gewalt macht krank, körperlich und seelisch.

Das Robert-Koch-Institut hat 2008 im Auftrag des Bundes eine Studie erstellt mit dem Titel: „Gesundheitliche Folgen von Gewalt unter besonderer Berücksichtigung von häuslicher Gewalt gegen Frauen“.

Auch das Robert-Koch-Institut stellt fest, dass Gewalt weltweit eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen und Kinder ist. Laut diesem Bericht wird in Deutschland mehr als jede dritte Frau im Laufe ihres Erwachsenenlebens mit sexuellen oder körperlichen Übergriffen unterschiedlichen Schweregrades konfrontiert.

Die Folgen der Gewaltanwendung sind dramatisch: Verletzungen jeder Art bis hin zu dauerhaften Behinderungen, psychosomatische Beschwerden, psychische Störungen wie Depressionen, Panikattacken, Verlust von Selbstachtung, Essstörungen und Lebensmüdigkeit. 

Oft entwickeln Gewaltopfer als so genannte „Überlebensstrategie“ gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen. Alkohol und Drogengebrauch, ein risikoreiches Sexualverhalten und andere selbst verletzende Verhaltensweisen. Und Gewalt kann tödlich enden, als Krankheits- oder Verletzungsfolge, durch Mord oder Selbsttötung.

Gewaltauswirkungen auf die Kinder

Auch wenn Kinder nicht selber körperlich von der Gewalt betroffen sind, so ist doch das Miterleben dieser Gewalt eine furchtbare seelische Verletzung und wird einer gesunden Entwicklung entgegenstehen. Kinder werden aber auch in die Gewaltsituationen hinein gezogen, indem sie z.B. versuchen, ihre Mutter zu verteidigen oder zu schützen. Oft genug bleiben sie mit dem Erlebten alleine.

Die Auswirkungen auch bloßer Zeugenschaft auf die Gesundheit von Kindern sind bekannt. Säuglinge und Kleinkinder sind durch häusliche Gewalt besonders gefährdet. Sie können noch nicht von sich selbst abstrahieren und empfinden so die miterlebte Gewalt als persönliche Verletzung an sich selbst und werden schwer traumatisiert.

Aber unabhängig vom Alter prägt diese Rollenverteilung „Opfer, (in der Regel weiblich) und Täter, (in der Regel männlich)“, das weitere Leben dieser Kinder. Sie führen die Gewaltspirale als Erwachsene fort. Nur wenigen mit einer solchen Prägung gelingt es aus eigener Kraft und mit Hilfe langwieriger, therapeutischer Hilfe diese Rollenfestlegung aufzugeben, um andere gewaltfreie Beziehungsformen anzustreben. 

Auch die gesundheitsökonomischen Folgen patriarchaler Lebensformen sind, wie Frau und Mann sich denken kann, immens. Das belegen Kostenstudien verschiedener Staaten, die in der Robert Koch Studie aufgeführt sind. Denn es entstehen nicht nur die direkten Kosten auf dem Gesundheitssektor.

Weit höher fallen die indirekten Kosten aus. In Form durch Polizei, Gerichte, Strafvollzug, gegebenenfalls die Gesundheitsversorgung des Opfers über Jahre oder lebenslang. Sozialhilfe, Opferhilfe, Zufluchtseinrichtungen, der Verlust von Produktivität und Lohn und nicht zuletzt die humanen und emotionalen Auswirkungen.

Diese Zahlen auf ein Jahr gesehen gehen teilweise in die Milliarden. Interessant finde ich daran, dass solche Tatsachen nicht öffentlich politisiert und diskutiert werden. Wo doch das „Sparen“ in Deutschland ein beliebtes Dauerthema ist. 

Unterhalt

Hart sparen müssen allerdings Ehefrauen, die sich von einem gewalttätigen Partner trennen wollen. Nach dem neuen Unterhaltsgesetz, das von rot/grün zu verantworten ist, haben Frauen bei einer Scheidung nämlich keinen Anspruch mehr auf Unterhalt. Auch Frauen nicht, die älter oder krank sind, oder Frauen, die sich aus einer gewalttätigen Ehe befreien wollen. Sie haben die Wahl zwischen täglicher Gewalt oder dem sozialem Abstieg ins Abseits der Gesellschaft. Ein Leben als Hartz IV-Empfängerin und weibliche Altersarmut ist mit diesem aktuellen Gesetz vorprogrammiert. Eine zynische Alternative vor die Gewaltopfer vom Gesetzgeber da gestellt werden.

Mir drängt sich an dieser Stelle aber noch eine andere Frage auf: Warum muss eigentlich hier in Deutschland die Gesellschaft, also du und ich, wir alle dafür aufkommen, wenn es mutige Frauen gelingt sich von ihren gewalttätigen Männern zu trennen? Männer, die immerhin nach dem deutschen Recht Straftäter sind.

Es gäbe durchaus Möglichkeiten, die betroffenen Frauen nicht dem freien Fall ins soziale Abseits zu überlassen, wenn es den politischen Willen dafür gäbe, wie beispielsweise in den Niederlanden. Betroffene Frauen dort haben nach einer Scheidung unter anderem Anspruch auf eine Wohnung, die ihren Verhältnissen vor der Trennung (gleichsteht) ebenbürtig ist.

Es gibt natürlich Hilfsmaßnahmen, auch in Bremen, die aber wie üblich nicht üppig gefördert werden und oft genug existenziell bedroht sind, wie z. B. die Bremer Frauenhäuser.

Frauenhäuser

An dieser Stelle möchte ich auf eine aktuelle Regelung in Bremen aufmerksam machen, die ich als skandalös empfinde und die bittere Folgen für die Betroffenen hat.

Frauen, die vor einem gewalttätigen Partner flüchten und berufstätig sind, müssen ihre Unterbringung im Frauenhaus selber wie folgt finanzieren: sie bezahlen mit ihrem gesamtes Gehalt und dürfen lediglich den üblichen Hartz4-Regelsatz plus 50 Euro für eine Fahrkarte behalten.

Ist die betroffene Frau z.B. die Hauptmieterin der Wohnung, aus der sie geflohen ist, muß sie von dem ihr verbleibenden Hartz4.Satz auch die Miete für eine Wohnung bezahlen, in der womöglich der Täter alleine weiterlebt. Das bedeutet für diese Frauen, sie müssen zu allem Erlittenen auch noch Schulden zu machen.

Ein weiterer Skandal ist, wie ich finde, dass Frauen und Mädchen, die keinen offiziellen Aufenthaltstatus besitzen, keinen Anspruch auf einen Platz in einem Bremer Frauenhaus haben.

Meine Partei hat jetzt aktuell genau zu diesen genannten Themen in der Bürgerschaft eine Initiative gestartet, der sich die SPD und die Grünen immerhin mit einem eigenen Antrag anschlossen. An dieser Stelle könnte sich also in der nächsten Zeit etwas zum Besseren verändern.                                                                          

Andere Hilfsangebote

Natürlich müssen auch die anderen schon vorhanden Hilfsangebote weiter ausgebaut und verbessert werden, das ist keine Frage. Aber ich persönlich bin davon überzeugt, dass das größte Problem mit der so genannten „Häuslichen Gewalt“ ist, das es ein weltweites Tabuthema ist. Gewalt in Beziehungen, in welcher Form auch immer, gilt in allen patriarchal geprägten Ländern der Erde quasi als normal, als naturgegeben. Wie anders ist es möglich, dass Sexismus und Gewalt gegen Frauen und Mädchen trotz vermeintlicher Gleichstellung tägliche Realität ist. Und zwar, wie schon gesagt, über alle sozialen Klassen sowie kulturelle und religiöse Grenzen hinweg. Im Grunde wird sie von fast allen mehr oder weniger toleriert. Und zwar nicht nur von Männern, sondern auch von den Frauen selber. Ich weiß, das klingt fast ketzerisch, aber so ist das eben, wenn man über Themen spricht, die mit einem Tabu belegt sind. Gewalt gegen Frauen wird nach wie vor permanent verdrängt. Und der Grund dafür sind die allgegenwärtigen patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft.

Lösung - Ein Tabu öffentlich machen!

Deshalb bin ich davon überzeugt, dass ein wirklicher Ausweg aus dieser hierarchischen, patriarchalen Gesellschaftsstruktur letztlich nur darin bestehen kann, dass dieses Tabu permanent gebrochen wird. Ein öffentliches Reden über Gewalt und Prävention ist notwendig. Nur auf diese Weise wird umgesetzt, dass Gewalt keine Privatangelegenheit mehr ist, sondern alle angeht. Und dass alle Menschen, auch Frauen, auch Mädchen, ein Recht auf ein gewaltfreies Leben haben.

Ich danke für Eure Aufmerksamkeit.